
Für ihre Verdienste wurde Elsy beim letzten Treffen mit unseren lokalen Koordinator:innen geehrt.
Elsy, du hast sehr lange für Fastenaktion gearbeitet. Wie kamst du damals zu uns?
Elsy: Ich habe an der Universidad Nacional in Bogotá Geschichte und historische Forschung studiert und interessierte mich damals vor allem für landwirtschaftliche Themen sowie für die Geschichte der Kämpfe um Land. Dies schuf bei mir eine grosse Sensibilität für die sozialen Probleme in Kolumbien. Einige Jahre nach dem Studium begann ich für die Stiftung Sinergia zu arbeiten, eine Organisation, die Vereinbarungen mit katholischen NGOs in Europa und Kanada hatte.
Darunter auch Fastenaktion?
Elsy: Genau. Meine Arbeit für Fastenaktion begann 2005. Damals gab es noch kein Koordinationsbüro und kein Landesprogramm, nur Projekte, in denen Nachhaltigkeit, Demokratie, Menschenrechte, Spiritualität und Geschlechterfragen im Zentrum standen. 2007 betraute Sinergia mich mit der Koordination dieser Projekte. Seither war ich für die Begleitung und Überwachung verantwortlich und im engen Austausch mit Alicia Medina bei Fastenaktion in Luzern. Mit der neuen Koordinationsstelle konnten wir eine viel engere Beziehung zu den Partnerorganisationen aufbauen, was das gegenseitige Vertrauen erhöhte.
Zu den Personen
Elsy Marulanda (73) war 17 Jahre lang die lokale Koordinatorin von Fastenaktion in Kolumbien. Sie lebt in der Hauptstadt Bogotá, ist Historikerin und stammt ursprünglich aus einer armen Familie mit elf Geschwistern – die meisten «haben es zu etwas gebracht». Wenn sich die riesige Familie heute trifft, kommen mit allen Kindern 50 bis 60 Personen zusammen.
Laura Mateus Moreno (33) gehört seit 2024 zum Team und koordiniert nun gemeinsam mit Milton Lopez (seit 2017) das Programm von Fastenaktion im Land. Sie lebt mit ihrem langjährigen Partner und zwei Katzen in Bogotá. Ihre Eltern waren die ersten in der Familie, die studiert haben, die Töchter folgten ihrem Beispiel. Laura ist Politologin, ihre Schwester Anthropologin.
Was veränderte sich noch im Laufe dieser vielen Jahre?
Elsy: Die allererste Phase hatte einen sehr solidarischen Fokus, es wurde mehr auf das reagiert, was aus dem Süden kam. 2010 ergab dann eine Auswertung, dass mehr in Programmen als in Projekten gedacht werden sollte, und so begann 2011 eine neue Phase und die Suche nach Partnerorganisationen. Technische Aspekte wurden relevanter, politische weniger wichtig.
Wo stehen wir heute?
Elsy: Wir haben ein Programm, das wirkt und mit dem sich die Partner identifizieren. Sie sind es, die den grössten Teil der Ergebnisse beisteuern. Auch zwischen ihnen bestehen gute Beziehungen, was den Austausch und Allianzen erleichtert. 2017 kamen dann noch die Internationalen Programme hinzu – und Milton Lopez als Co-Koordinator.
Und in all dieser Zeit wolltest du dich nie verändern? Hat es dich nicht gelangweilt, immer nur für uns zu arbeiten?
Elsy: Nein, nie. Bevor ich bei Fastenaktion anfing, hatte ich Einblick in die Arbeit vieler anderer internationaler Organisationen. Das war zwar auch interessant, aber nicht vergleichbar mit unseren Aktivitäten. Wir betreiben kleine und sehr unterschiedliche Projekte, das fand ich immer viel spannender als die grossen Programme der grossen Organisationen. Ausserdem haben wir regelmässig Dinge verändert. Es stellt sich nie Routine ein, weil wir ständig darüber nachdenken, wie wir unsere Arbeit noch besser machen können.

Laura spricht über ihre neuen Aufgaben und Herausforderungen im Koordinationsteam von Fastenaktion in Kolumbien.
Laura, du warst vorher bei einer Partnerorganisation von Fastenaktion im Advocacy-Team. Was hat dich an der Stelle bei uns besonders angesprochen?
Laura: Der Fokus auf Kommunikation, auf Gender, auch die Prävention von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung. Die Koordination von Fastenaktion hat dieses Wissen bei den Partnern gezielt gestärkt. In unserem Advocacy-Team informierten wir Indigene Gruppen über ihr Recht auf traditionelles Saatgut und sensibilisierten sie dafür, wie dies mit den Rechten auf Land und Nahrung zusammenhängt. Dabei habe ich in einem Projekt eng mit Milton zusammengearbeitet und war sofort interessiert, als ich von der offenen Stelle erfahren habe. Es ist etwas ganz Besonderes, für eine Organisation zu arbeiten, mit deren politischer Vision ich übereinstimme und an deren Arbeit ich glauben kann. Fastenaktion verbessert das Leben der Menschen in Kolumbien.
Die Finanzierung von Entwicklungsarbeit steht politisch immer wieder unter Druck. Elsy, was hat sich durch die Arbeit von Fastenaktion in all diesen Jahren verändert?
Elsy: Sehr viel! Auch wenn der Beitrag von Fastenaktion angesichts der Grösse der Probleme auf den ersten Blick gering scheint. Aber für die einzelnen Gemeinden und deren Familien sind die Veränderungen gross und haben eine enorm positive Wirkung. Es kann auch nicht alles quantitativ gemessen werden. Zum Beispiel gibt es Veränderungen in der Mentalität der Menschen, in der Einstellung zum Leben und zur Umwelt, zu der Art und Weise, wie produziert und konsumiert wird. Veränderungen auch bezüglich der Stärkung von Frauen, die nun wissen, wie sie gegen häusliche Gewalt vorgehen können. Aber es gibt auch eine sehr konkrete, messbare Verbesserung der Lebensmittelversorgung.
Welche Instrumente sind dafür besonders wirksam?
Elsy: Die Spargruppen. Verschuldete Familien können dadurch Wucherkredite zurückzahlen und neue, faire Kredite aufnehmen, um ihre Wohnsituation oder die Ausbildung ihrer Kinder zu verbessern und ihre landwirtschaftliche Produktion zu steigern. Diese Gruppen organisieren sich selbst, um ihre Rechte zu verteidigen und sie über Gemeindeverbände politisch durchzusetzen – etwa zur Verbesserung der Infrastruktur oder Nahrungsmittelproduktion. Kurz: Fastenaktion bewirkt greifbare Veränderungen, die mit der Zeit zu echtem Wandel führen.
Unsere Arbeit ist also mehr als der sprichwörtliche «Tropfen auf den heissen Stein»?
Elsy: Absolut. Aber damit ihre Wirkung nachhaltig ist, braucht es eine langjährige Zusammenarbeit zwischen den Partnerorganisationen und den Gemeinden – mindestens drei Jahre. Nach Abschluss des Projekts bleiben die Gemeinschaften oft weiterhin mit uns verbunden. Viele arbeiten selbständig mit dem gleichen Ansatz weiter, den sie während des Projekts gelernt haben. So beschaffen sie sich etwa die Ressourcen selbst, um die Bedingungen in ihren Gemeinden zu verbessern. Letztlich geht es um den Aufbau von Beziehungen, die Stärkung von Organisationen, das Entwickeln einer Zivilgesellschaft, die Teilnahme an politischen Prozessen mit den lokalen Institutionen.

Unsere lokale Partnerorganisation Grupo Semillas setzt sich seit Jahrzehnten für die Ernährungssicherheit der ländlichen Bevölkerung ein.
Laura, wie schätzt du die Arbeit von Fastenaktion ein? Du hast ja bereits bei Grupo Semillas direkt mit den Menschen auf dem Land zusammengearbeitet.
Laura: Unsere Projektarbeit ermöglicht es, eine Gemeinschaft und ihre Lebensweise zu erhalten. Die Menschen werden gestärkt, auch wenn der politische und soziale Kontext schwierig ist. Diese konkrete Veränderung ist von unschätzbarem Wert. Fastenaktion ermutigt Familien und Organisationen, ihr eigenes Wissen zu schätzen und miteinzubeziehen, um ihre Ernährung und ihr Einkommen zu verbessern. Zum Beispiel hat der Aufbau von Infrastruktur für erneuerbare Energien die Region in kurzer Zeit auf beeindruckende Weise verändert. Orte, die bis vor kurzem kaum Zugang zu Wasser hatten, können nun Wasserreservoirs anlegen. Das ermöglicht ihnen, weiterhin in Würde auf ihrem ursprünglichen Land zu leben, statt in die Stadt abwandern zu müssen. So führt unser kleiner, lokaler Ansatz zu greifbareren Veränderungen für das tägliche Leben der Menschen als riesige Projekte für viele Millionen Franken.
Wurden auch Dinge erreicht, die ohne eine Finanzierung durch Fastenaktion nicht möglich gewesen wären?
Elsy: Oh ja, zum Beispiel alles, was mit Wissensvermittlung zu tun hat – dazu gehört Fachwissen zur Verhinderung von Machtmissbrauch und sexueller Belästigung, Weiterbildungen zur Verwaltung und zur Finanzbuchhaltung für die Partnerorganisationen oder Prävention und Schutz der Gemeinschaften bei Naturkatastrophen oder bewaffneten Konflikten. Die Organisationen schätzen diese Unterstützung durch Fastenaktion umso mehr, weil es die einzige Entwicklungsorganisation ist, die in diesem Bereich arbeitet und so die lokalen Partner stärkt.
Warum unterstützen die anderen diesen Ansatz nicht?
Elsy: Gute Frage. Es gibt viele Organisationen, die von ihren Partnern einfach nur Berichte wollen, ohne sich für die konkreten Auswirkungen vor Ort zu interessieren. Ihre Verantwortlichen schaffen es nicht, während eines Jahres alle ihre Projekte zu besuchen.
Ist die Entwicklungszusammenarbeit heute im Vergleich zu früher schwieriger oder einfacher?
Elsy: Sie hat sich auf jeden Fall verändert und ist heute mehr mit den Agenden der Regierungen verknüpft, wird von ihnen teilweise auch ein wenig instrumentalisiert. Und es herrscht eine gewisse Dominanz technischer Aspekte. Es braucht also mehr Fachleute, die sich mit Indikatoren, mit der Planung und all diesen Dingen auskennen. Natürlich ist es wichtig, über die Ergebnisse Rechenschaft abzulegen, aber das sollte nicht auf Kosten der politischen Arbeit gehen, die ebenfalls von grundlegender Bedeutung für eine aktive Zivilgesellschaft ist. Wir sollten hier mehr tun, um ein gutes Gleichgewicht sicherzustellen.

An Saatgutbörsen lernen Projektteilnehmerinnen die Vielfalt alter, regionaler Pflanzensorten zu erhalten und zu fördern.
Was sind die grössten Hindernisse für unsere Arbeit?
Elsy: Die wirtschaftlichen Interessen und die Macht der grossen Konzerne. Sie geben letztlich den Regierungen die Richtlinien für ihre Politik im Umgang mit Ressourcen vor. Hinzu kommen die vielen Krisen, die wir im Moment auf der Welt haben. Dazu gehören Kriege und Konflikte, aber auch die Nichtbeachtung der von der internationalen Gemeinschaft vereinbarten Regeln und Rechte. Und natürlich auch die Klimaerwärmung, durch die das Leben auf unserem Planeten in Frage gestellt ist, wenn wir nicht entschieden handeln.
Was können wir in Europa tun, um die Menschen in Kolumbien zu unterstützen?
Elsy: Geld ist nicht alles, aber es hilft. Entscheidend ist auch die Sensibilisierung der Menschen, dass alle auf der Welt die gleichen Rechte haben. Dass die Menschenwürde nie verloren geht, egal ob wir im Norden oder im Süden leben. Und dass es einen Geist der Solidarität braucht, um Menschen in Not zu unterstützen. Gerade das ist etwas verloren gegangen, nicht wahr? Die Welt wird immer individualistischer, und viele Menschen mit Privilegien tun sich schwerer mit dem Teilen.
Laura: Das sehe ich genauso: Solidarität zwischen den Völkern ist extrem wichtig. Und in der Schweiz gibt es ja eine sehr aktive Zivilgesellschaft, die sich um Veränderungen bemüht – zum Beispiel die Klimaseniorinnen, die den Staat eingeklagt haben, weil er nicht genug gegen die Auswirkungen der Klimaerwärmung unternimmt. Solche Dinge inspirieren auch die sozialen Bewegungen in Lateinamerika und helfen ihnen, sich weiterzuentwickeln. Sie illustrieren ausserdem, dass wir uns in einem globalen und gemeinsamen Kampf befinden.