Auch im Globalen Norden ist der soziale Zusammenhalt nicht mehr so selbstverständlich wie früher: Politische Polarisierung und Desinformation in den sozialen Medien führen regelmässig zu hitzigen Diskussionen und gesellschaftlichen Spaltungen. In der Schweiz ist die Situation immerhin vergleichsweise stabil: Das Vertrauen in die Institutionen ist noch immer hoch. Wenn es jedoch viele Spannungen und Konflikte gibt, wie dies in bestimmten Regionen Burkina Fasos der Fall ist, wird das Aufrechterhalten des sozialen Zusammenhalts zu einer Herausforderung – und zu einer bewussten Entscheidung, die manchmal sogar Mut erfordert.
Burkina Faso befindet sich seit mehreren Jahren in einer schweren Sicherheitskrise: Gewalt, Zwangsumsiedlungen und prekäre Lebensbedingungen haben das soziale Gefüge geschwächt. Spannungen gibt es insbesondere zwischen im eigenen Land Vertriebenen und ihren Aufnahmegemeinschaften. Fastenaktion und ihre Partnerorganisation ADIF (Association SOUGRI-NOOMA pour le Développement des Initiatives Féminines) setzen sich dafür ein, gerade in dieser Situation den sozialen Zusammenhalt zu stärken.
Bei ADIF lernen die Mitglieder in Workshops zum Beispiel, wie sie gemeinsam Seife herstellen können.
Mit viel Geduld dauerhafte Bindungen knüpfen
«Unser Ansatz basiert auf dem Wiederaufbau sozialer Bindungen auf lokaler Ebene, ausgehend von den Dynamiken innerhalb der Gemeinschaften», erklärt Albert Barro, Projektkoordinator bei ADIF. Für ihn liegt die Wirksamkeit dieser Methode in ihrer scheinbaren Einfachheit: «Sozialer Zusammenhalt lässt sich nicht verordnen. Er muss geduldig aufgebaut werden, indem man dauerhafte menschliche Bindungen knüpft.»
So entstehen Räume für Dialog, wo zuvor Schweigen, Angst oder Misstrauen herrschten. In Bourzanga, im Norden des Landes, ermöglichte ein Kulturtag mit einem gemeinsamen traditionellen Essen den vertriebenen Neuankömmlingen und den Alteingesessenen einen Austausch, für viele zum ersten Mal. «Eine einfache Geste wie gemeinsames Kochen kann Applaus und friedliche Gespräche auslösen», erzählt Albert.
Diese Initiativen zielen nicht darauf ab, den Menschen von aussen Modelle aufzuzwingen, sondern bereits vorhandene Mechanismen der Vermittlung und Geselligkeit wiederzubeleben, wie Geschichtenerzählen, Vergebungsrituale oder andere traditionelle Bräuche.
Widerstände überwinden, Brücken bauen
In einem Kontext anhaltender Krisen kommt es dabei unweigerlich zu Widerständen. Einige Vertriebene haben Angst, sich zu äussern, weil sie Ablehnung oder Vergeltungsmassnahmen befürchten. Andere, darunter auch traditionelle Autoritäten, sehen diese Initiativen manchmal als Bedrohung ihrer Legitimität. «Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine direkte Ablehnung, sondern eher um Vorbehalte, die mit erlebten Verletzungen zusammenhängen», beobachtet Albert.
Um diese Hindernisse zu überwinden, setzt ADIF auf Formate wie Theater, Gesprächskreise oder Fussballspiele, an denen die Menschen aktiv teilnehmen und gemeinsame Erlebnisse ermöglichen. In Ourgou Manéga, nördlich der Hauptstadt Ougadougou, wurde auf Wunsch einiger Frauen sogar eine klassische Konferenz in ein interaktives Theater umgewandelt. Das Ergebnis: eine Rekordbeteiligung und ein reichhaltiger Austausch.
Die gemeinsam hergestellte Seife wird auf dem Markt verkauft und schafft ein kleines Zusatzeinkommen für die Frauen.
Zusammenhalt sichert Ernährung
Die Förderung des Dialogs, der Integration und des sozialen Zusammenhalts ist kein Selbstzweck, sondern eine wesentliche Voraussetzung, um Ernährungssicherheit zu gewährleisten und Armut zu verringern. Ein gutes Verhältnis zwischen Binnenvertriebenen und Aufnahmegemeinschaften erleichtert einen gerechten Zugang zu Ressourcen (Wasser, Land, Infrastruktur), verringert Nutzungskonflikte und fördert Solidaritätsmechanismen.
Albert Barro betont, wie wichtig es ist, die Ergebnisse dieser Arbeit über die Zeit hinweg zu beobachten: «Wir messen die Wirkung anhand der Veränderung der sozialen Beziehungen: Abbau von Spannungen, verbessertes Zusammenleben, spontane Dialoge, nachhaltiges Engagement.» So konnte eine zunächst ausgegrenzte Vertriebene doch noch in einen lokalen Verein aufgenommen werden – ein Beweis dafür, dass trotz Spaltungen Brücken gebaut werden können.
Dieses geduldige Engagement, das von weitem oft unsichtbar ist, vermittelt eine starke Botschaft: Frieden beginnt im Alltag, bei einem gemeinsamen Essen, einer erzählten Geschichte, einem gemeinsamen Lachen. Es ist dieser in der Gemeinschaft verwurzelte Frieden, den Fastenaktion unterstützt – in Burkina Faso und anderswo.
Butter und Seife für ein besseres Leben
1500 Frauen im Süden Burkina Fasos erzielen mit der Produktion von Sheabutter und Seife ein hilfreiches Zusatzeinkommen und können dadurch auch ihre Ernährungssituation verbessern. Mit der Unterstützung von Fastenaktion konnte der Herstellungsprozess vereinfacht werden. Lesen Sie hier die Reportage.