
Die Indigene Aktivistin Thelma Cabrera hält eine Rede über Landrechte.
Leiria, wie ist die aktuelle Lage deiner Gemeinschaft?
Schwierig. Ich selbst gehöre zum Volk der Maya-Quiché, aber heute leben verschiedene Indigene Völker an der Südküste Guatemalas zusammen. Dies liegt an der Fruchtbarkeit der Böden, die seit Jahren zahlreiche Menschen anlockt. Der landwirtschaftliche Reichtum hat jedoch auch eine Kehrseite: Mehr und mehr Land wird für industrielle Monokulturen aufgekauft.
Wie verändert dies das Leben?
Früher litten wir nicht unter Hunger, auch wenn wir kein Geld hatten. Mein Vater war Landwirt und Fischer, und wir lebten von dem, was uns die Natur gab: Früchte, Pflanzen, Tiere von Feld und Wald sowie Fischfang. Es war auch ohne Landbesitz möglich, ein Stück Boden zu pachten, um Mais oder Bohnen anzubauen (Anm. d.Red: Grundnahrungsmittel in Guatemala). Heute hingegen dominieren Zuckerrohr, Bananen, Kautschuk und Tabak die Felder, Flüsse sind verschmutzt oder werden zur Bewässerung umgeleitet. Die Wirtschaft wächst zwar, aber der Reichtum bleibt in den Händen der grossen Konzerne, während sich in den Gemeinden die Armut verschärft. Viele wandern weg: Fast jede Familie hat jemanden in den USA oder in Kanada, weil die Lebensbedingungen hier menschenunwürdig sind.
Weshalb profitieren die Menschen nicht von der florierenden Wirtschaft?
Weil wir praktisch ohne Staat und ohne Rechte leben. Die Polizei schützt die Unternehmen, nicht die Bevölkerung. Vor allem fehlt es uns an Wasser, weil ganze Flüsse für Monokulturen umgeleitet und verschmutzt werden. Offiziell ist die Rede von «Entwicklung», für uns jedoch bedeutet es vor allem Ausbeutung. Hinzu kommt die Diskriminierung von uns Indigenen.
Wie zeigt sich diese in deinem Alltag?
Diskriminierung ist überall – sie ist so stark, dass sich manche Menschen gar nicht mehr als Indigen identifizieren. Zum Beispiel werden unsere Sprachen in den Schulen nicht unterrichtet, nur Spanisch. Indigene Frauen hatten lange Zeit gar keinen Zugang zur Schule: Sie mussten auf den Feldern arbeiten und lernten nicht einmal Spanisch. Heute arbeiten sie oft als schlecht bezahlte Hausangestellte. Ich selbst trage meist westliche Kleidung, schlicht weil es billiger ist, Secondhand-Ware aus den USA zu kaufen, als traditionelle Maya-Kleidung zu tragen.
CODECA setzt sich insbesondere für den Zugang zu Land ein. Weshalb ist das so zentral?
Ohne Land gibt es keine Ernährungssouveränität, keine Autonomie, keine Würde – Land ist die Grundlage von allem. Wir brauchen es, um unsere traditionellen Nahrungsmittel anzubauen, um im Einklang mit den Flüssen und Wäldern zu leben, so wie wir es schon immer getan haben. Wer Land hat, muss sich nicht ausbeuten lassen. Doch man nimmt uns das Land weg, um uns zu zwingen, auf den Plantagen zu arbeiten.
Partnerorganisation CODECA
CODECA, das Comité de Desarrollo Campesino (auf Deutsch «Komitee für ländliche Entwicklung»), unterstützt und begleitet bäuerliche Gemeinschaften, die für ihren Zugang zu Land und Ernährungssouveränität einstehen. Bei CODECA sind Frauen seit 2012 zentral am Einsatz für strukturelle Veränderungen zur Verteidigung und Ausübung ihrer Rechte beteiligt. Seit 2020 ist CODECA eine Partnerorganisation von Fastenaktion in Guatemala. Das Komitee zählt mehr als 100’000 Familien zu ihren Mitgliedern.

Mitglieder der Organisation CODECA demonstrieren für ihre Rechte.
Was meinst du genau mit Ernährungssouveränität?
Es geht nicht nur darum, den Magen zu füllen, sondern unseren Körper und unsere Kultur zu nähren. Die Regierung spricht von Ernährungssicherheit und verteilt Industrieprodukte wie gentechnisch veränderten Mais oder Thunfischkonserven. Aber das entspricht nicht unserer Kultur. Ernährungssouveränität bedeutet, dass wir unsere eigenen Lebensmittel nach unseren Traditionen anbauen können, ohne Verschmutzung, Unterdrückung oder gentechnisch verändertes Saatgut. Dieses verspricht höhere Erträge, man muss es jedoch jedes Jahr neu kaufen, zusammen mit Chemikalien. Es ist ein riesiger Markt, aber auch eine Bedrohung für unser lokales Saatgut. Wir arbeiten daran, es zu retten, bevor es ganz verschwindet.
CODECA ist starker Repression ausgesetzt. Wie geht ihr damit um?
Seit 2018 wurden mehr als 30 Verantwortliche von CODECA ermordet, darunter fünf Frauen. Mein Grossvater mütterlicherseits wurde getötet. Mein Vater wurde angeschossen und trägt die Kugel noch immer in seinem Körper. Unser Haus wurde von der Armee geplündert. Das Büro von CODECA wurde durchsucht. Mein Vater wurde inhaftiert. Die Kriminalisierung zielt darauf ab, Angst zu schüren – damit wir nicht protestieren, die Ausbeutung nicht anprangern, das Land nicht verteidigen. Und natürlich haben wir deswegen Angst. Aber nach der Angst kommt die Empörung.
Welche Rolle spielen Frauen in der Organisation?
Mehr als 60 Prozent der CODECA-Mitglieder sind Frauen. Dennoch bleibt ihr Zugang zu Führungspositionen schwierig. Viele sagen: «Ich kann nicht lesen», «Ich habe Angst», «Wer kümmert sich um meine Kinder?» Armut, häusliche Pflichten und mangelnde Bildung schränken ihre Teilhabe ein. Aber wir arbeiten daran, sie zu stärken, damit sie sich als vollwertige politische Akteurinnen erkennen.
Gibt es eine Frau, die dich besonders inspiriert?
Meine Mutter. Sie spricht wenig, ist aber eine wichtige Stütze der Organisation. Sie stand meinem Vater bei, als er von der Armee verfolgt wurde. Sie hielt die Bewegung und die Familie zusammen, während er inhaftiert war. Sie züchtete Tiere, damit es bei den Treffen etwas zu essen gab. Sie sagte: «Wenn sie kommen, werde ich Hühner schlachten, und wir werden gemeinsam essen.» Sie schuf auch Räume für spirituelle Reflektion, denn manche Priester argumentierten, dass Kämpfen eine Sünde sei. Meine Mutter antwortete, dass das Streben nach Gerechtigkeit und Würde keine Sünde sei – und erinnerte sie daran, dass auch in der Bibel von Kämpfen berichtet wird.
Was erwartest du von der internationalen Gemeinschaft?
Solidarität für unsere Kämpfe – dafür braucht es mehr Sichtbarkeit. Oft gibt es Kriminalisierung, weil unsere Realität nicht bekannt ist. Wir wehren uns nicht gegen Entwicklung, aber wir lehnen Zerstörung ab. Wir wollen in Würde leben.

Leiria spricht an einer Veranstaltung im Rahmen der Internationalen Landreformkonferenz (ICARRD+20) in Kolumbien.
Wie stellst du dir die Zukunft vor?
Ich hoffe, dass wir in grösserer Würde leben können, wenn wir weiterkämpfen. Andernfalls wird die Südküste Guatemalas zu einem Gebiet, in dem Menschen wie Sklaven in Monokulturen ausgebeutet werden.
Welche Botschaft möchtest du den Menschen in der Schweiz mitgeben?
Die Schweiz ist ein schönes und stabiles Land. Aber ich hoffe, ihr versteht, dass nicht alle Menschen so leben. Viele Privilegien des Nordens beruhen auch auf der Zerstörung von Gebieten wie meinem. Dabei teilen wir uns doch letztlich ein gemeinsames Zuhause. Es zu schützen, ist eine gemeinsame Verantwortung.
Erfahren Sie hier, warum Landrechte für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zentral sind.

