Avocados sind einfach anzubauen, relativ leicht zu ernten, dank ihrer Robustheit gut transportfähig – und in den wohlhabenden Ländern Europas und Nordamerikas sehr beliebt. Die Sorte, die am häufigsten in den Supermarktregalen liegt, ist die Hass-Avocado, benannt nach Rudolph Hass, einem Briefträger und Hobbyzüchter aus Kalifornien.
Schädliches Monokultur-Exportmodell
In Kolumbien sind die Avocados dieser Marke zu einem der wichtigsten Exportprodukte geworden – sie gelten dort als das «grüne Gold» und werden in riesigen Monokulturen angebaut. Das setzt auch die kleinbäuerlichen Familien unter Druck. Sie sind aufgrund der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen für ihre traditionelle Landwirtschaft oft gezwungen, ihr Land zu verkaufen, das dann Teil des Avocado-Monokulturanbaus wird. Hinzu kommen die Umweltschäden durch die Monokulturen in ihrer Nachbarschaft, die auch eine Studie unserer kolumbianischen Partnerorganisation Centro Sociojurídico para la Defensa Territorial oder kurz Siembra (auf Deutsch: Säen) belegt.

In Kolumbien sind ganze Landstriche von zerstörerischen Avocado-Monokulturen überzogen.
Weshalb ist die Avocado ein derart wichtiges Exportprodukt für Kolumbien geworden?
Siembra: Der rasante Anstieg begann 2014. Damals wurden etwa 1,7 Millionen Kilo Avocados der Sorte Hass exportiert, 2022 bereits 97 Millionen Kilo. Diese Entwicklung war kein Zufall, sondern wurde von der nationalen sowie regionalen Regierungen aktiv gefördert – wohl auch um den Rückgang der internationalen Ölpreise im Jahr 2015 auszugleichen. Gleichzeitig stieg weltweit die Nachfrage nach «gesunden» Lebensmitteln und sorgte für günstige Marktbedingungen. In der kolumbianischen Öffentlichkeit wurde die Frucht als neues «grünes Gold» Kolumbiens dargestellt, als nachhaltiger und profitabler Motor der ländlichen Entwicklung. Unsere Studie beleuchtet nun die problematischen Seiten.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
Wir dokumentieren schwerwiegende ökologische, soziale und territoriale Auswirkungen. Die Hass-Avocado-Monokulturen führen zu Entwaldung, Erosion und vergiften die Böden durch den intensiven Einsatz von Chemikalien. Sie verbrauchen zudem enorme Mengen Wasser und verändern ganze Wasserkreisläufe.
Und die Monokulturen sind sogar eine gesellschaftliche Belastung?
Ja, weil die Ausweitung dieser Monokulturen zu einer Neuausrichtung ganzer Gebiete auf eine einzige Kulturpflanze führt. Damit werden die Ernährungssysteme der bäuerlichen Gemeinschaften mehr und mehr verdrängt. Das verringert ihre Ernährungssouveränität, verstärkt die Landkonzentration und kann zu Vertreibungen führen. Auch die Biodiversität leidet, immer mehr Vögel und Insekten verschwinden, zusammen mit den einheimischen Avocadosorten. Uns ist aber wichtig zu betonen: Das Problem ist nicht die Avocado an sich – sie ist ein köstliches, nahrhaftes Lebensmittel, das tief in unseren kulinarischen Traditionen und lokalen Ernährungsgewohnheiten verwurzelt ist. Das Problem ist das exportorientierte Monokulturmodell hinter der Hass-Produktion.
Man könnte Avocados also auch anders anbauen?
Absolut. Das aktuelle Modell ist darauf ausgelegt, dass kolumbianische Hass-Avocados jederzeit und überall auf der Welt verfügbar sind. Das jedoch ist für Kolumbien selbst nicht nachhaltig. Stattdessen sollten wir einen anderen Weg einschlagen: agrarökologische, diversifizierte und gemeinschaftsorientierte bäuerliche Systeme anstelle von Monokulturen für den Export. Dazu gehört eine Raumplanung, die Wasserquellen und Biodiversität schützt, die Wirtschaft der kleinbäuerlichen Familien sichert, die öffentliche Regulierung stärkt und eine sinnvolle Beteiligung der lokalen Gemeinschaften an Entscheidungsprozessen gewährleistet.
Gibt es Kleinbäuerinnen und -bauern, die heute schon auf diese Weise Avocados anbauen?
Für unsere Studie konnten wir in der untersuchten Region keine Beispiele für erfolgreichen kleinbäuerlichen Avocado-Anbau finden, die nicht auf Monokulturen basieren.
Dieses Geschäftsmodell führt auch zu sozialen Konflikten: Können Sie Beispiele nennen?
In Génova (Quindío) sind bäuerliche Gemeinschaften mit Vertreibung und der Entvölkerung ländlicher Kleinstädte konfrontiert. Dort müssen dann Schulen und Geschäfte schliessen, gleichzeitig bedrohen Wasserverschmutzung und der Verlust traditioneller Nutzpflanzen die lokale Ernährungssouveränität. In Villamaría (Caldas) hat die verringerte Wasserverfügbarkeit zu Spannungen und Misstrauen geführt, da sich Monokulturen in der Nähe strategischer Wasserquellen ausbreiten. Zudem leiden viele Arbeiter:innen unter Krankheiten, weil sie Pestizide ohne angemessene Schutzausrüstung versprühen. Laut den Informationen einer anderen NGO arbeiten in Cajamarca (Tolima) viele venezolanische Einwander:innen zu sehr niedrigen Löhnen. Da sie in sehr beengten Verhältnissen leben, kommt es immer wieder zu familiären Konflikten, darunter häusliche Gewalt.
Zwietracht und Landkonflikte in Cucuana
Mit dem Auftauchen des multinationalen Konzerns Green SuperFood hat sich die gesamte Landschaft in Cucuana verändert, einer kleinen Ortschaft im Departement Tolima im Westen Kolumbiens. Die bergige Region – ein wichtiges Ökosystem mit grosser Artenvielfalt – verwandelte sich «in ein Meer aus Hass-Avocados», wie unsere Partnerorganisation Semillas de Agua berichtet, die kleinbäuerliche Familien in der Region unterstützt.
Die klimatischen Bedingungen dort sind ideal für den Avocado-Anbau, doch die Monokulturen zerstören die Biodiversität. «Auch die internen Konflikte in Cucuana haben deutlich zugenommen: Zuvor herrschte Ruhe und Frieden, doch nun gibt es viel Zwietracht wegen der Umweltverschmutzung durch Chemikalien und den Zugang zu Trinkwasser.»
Zudem versucht Green SuperFood, auch die Grundstücke in der Umgebung der Monokulturen aufzukaufen, doch viele Einheimische weigern sich. «Die Familien fühlen sich eingeschüchtert vom ständigen Druck, ihr Land zu verkaufen.» Derzeit wird mit Klagen vor Gericht versucht, die Landnahme und die Umweltzerstörung einzudämmen, die durch den Anbau der Hass-Avocado in der Region passiert.

Bisher verfolgt die kolumbianische Regierung keinen klaren Kurs, um transnationale Grossunternehmen aus der Avocado-Branche für ihre schädlichen Praktiken zur Verantwortung zu ziehen.
Und versucht Siembra, einige dieser Konflikte zu lösen?
Nicht direkt. Unsere Arbeit konzentriert sich auf Interessenvertretung und Sensibilisierung, um die Behörden zu ermutigen, im Rahmen ihrer Kompetenzen zu handeln. Wir dokumentieren Auswirkungen, unterstützen Gemeinden und drängen auf Rechenschaft. In diesem Zusammenhang entstand auch unsere Studie, die wir mit den drei anderen Menschenrechts- und Umweltorganisationen Cosajuca, Amar es Más und Kumanday erstellt haben. Ziel ist es, sowohl den Behörden als auch den Gemeinden eine klare Diagnose zu liefern, eine Momentaufnahme dessen, was vor Ort geschieht. Konkrete Massnahmen zur Veränderung müssen vom Staat ausgehen. Dieser sollte die transnationalen Unternehmen für die von ihnen verursachten Schäden zur Verantwortung ziehen.
Warum ist dies so schwierig?
Weil dahinter fest verwurzelte wirtschaftliche Interessen stehen. Hinzu kommen komplexe territoriale Dynamiken und unterschiedliche Regierungsebenen, die teils andere Interessen vertreten.
Gab es Ergebnisse der Studie, die Sie überrascht haben?
Vielleicht das Ausmass. Also etwa die enorm wichtige Position, die Kolumbien auf dem globalen Markt für Hass-Avocados einnimmt. Oder wie sehr die behördliche Regulierung transnationale Unternehmen begünstigt, während lokale Gemeinschaften und Ökosysteme leiden.
Wie reagieren Sie auf Bergbauunternehmen, die den Monokulturanbau von Avocados aktiv fördern und behaupten, es gebe sogar ökologische Vorteile, wenn Bergbau und Landwirtschaft erfolgreich nebeneinander existieren?
Unser Bericht widerspricht dieser Darstellung ganz direkt und zeigt ausserdem, dass Bergbauunternehmen dazu beigetragen haben, das schädliche Monokulturmodell einzuführen und zu festigen. Dahinter steckt letztlich dieselbe ausbeuterische Logik: Die geschürften Mineralien dienen genauso dem Export wie die produzierten Avocados. Beides kommt in erster Linie transnationalen Konzernen zugute, während sie die lokale Wirtschaft und die Lebensgrundlagen der bäuerlichen Gemeinschaften untergraben.
Versuchen Sie, diese Unternehmen und lokalen Behörden mit den Ergebnissen Ihrer Studie zu konfrontieren?
Wir stehen im Dialog mit dem Umweltministerium, das die ökologischen Herausforderungen anerkennt und einsieht, dass es Lösungen braucht. Es arbeitet nun an Umweltrichtlinien für den Avocado-Anbau – dazu haben wir mit unserer Arbeit direkt beigetragen. Wir plädieren dabei für strenge nationale Vorschriften und klare ökologische und soziale Kriterien.
Und was ist mit den Unternehmen?
Einige von ihnen haben an einem Treffen mit dem Umweltministerium teilgenommen, um unsere Studie zu diskutieren. Wir wissen, dass sie mit den Erkenntnissen nicht zufrieden sind, aber sie können unsere Daten und Beweise nicht anfechten.
Wie gefährlich ist es, sich so mit ihnen anzulegen?
Das kann schon erhebliche Risiken mit sich bringen. In unserer Studie haben wir für Mexiko Verbindungen zwischen Teilen der Avocado-Industrie und Drogenkartellen nachweisen können. Solche Nachweise gibt es für Kolumbien bisher nicht, aber es stellen sich durchaus Fragen zur Herkunft des Kapitals hinter einigen der Unternehmen hier. Und solche Fragen aufzuwerfen, ist nicht risikolos. Wir hören in dem Zusammenhang immer wieder von Drohungen. Generell ist Kolumbien eines der gefährlichsten Länder der Welt für Akteur:innen der Zivilgesellschaft. Es werden jedes Jahr einige wegen ihres Engagements umgebracht.
Studie «Aguacate Hass from Colombia»
Die Studie unserer Partnerorganisation Siembra zeigt die Umweltschäden und sozialen Konflikte aufgrund der Hass-Avocados in Kolumbien. Die vollständige Studie auf Spanisch finden Sie hier als PDF.

