Die letzte Station ihrer Schweiz-Tournee führte Yolima (rechts im Bild) an die Universität Luzern.
Die Theologie-Studierenden an der Universität Luzern hören nicht nur aufmerksam zu, sie haben auch einige Fragen, nachdem Yolima Salazar Higuera über das jahrzehntelange Engagement ihrer Organisation Vicaría del Sur in der Amazonasregion Kolumbiens berichtet hat. Ihr Auftritt Mitte März ist Teil der Vorlesung «Grundlage der Moraltheologie», zu der die Dozentin Alexandra Kaiser-Duliba regelmässig auch Fastenaktion einlädt – als konkretes Beispiel aus der Praxis. Dieses Jahr besuchen rund 100 Personen den Lehrgang, im Saal sind knapp 20, für die anderen wird die Präsentation aufgezeichnet.
Nach Yolimas Erläuterungen fragt ein Student, wie ihre Organisation mit den Bedrohungen durch Drogenbanden umgeht. Und eine Studentin will wissen, was ihre Arbeit zur Geschlechtergerechtigkeit für das Leben der Kleinbäuerinnen konkret bewirkt. Yolima beantwortet die Fragen mit Hilfe einer Spanisch-Übersetzerin – die beschriebenen Fortschritte für die Frauen sind eindrücklich (siehe Interview unten), die kriminellen Banden jedoch ein ernstes Problem. Es kommt immer wieder zu Drohungen oder Vertreibungen.
Der Auftritt an der Universität Luzern ist einer von 17, die Yolima während knapp drei Wochen als Gast von Fastenaktion während der Ökumenischen Kampagne durch sieben Kantone geführt haben. Überall hat die Direktorin der Vicaría del Sur von ihrer Arbeit mit benachteiligten Bevölkerungsschichten im ländlichen Kolumbien berichtet. Die kirchliche Organisation, die 1987 gegründet wurde und seit 1988 von Fastenaktion unterstützt wird, begleitet aktuell rund 150 Familien in der Region Caquetá im Süden des Landes.
Yolima Salazar Higuera
Yolima Salazar Higuera (63) ist Sozialarbeiterin und leitet in der kolumbianischen Amazonasregion die Organisation Vicaría del Sur, eine langjährige Partnerorganisation von Fastenaktion. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen agrarökologische Anbaumethoden, der Schutz des Amazonasgebiets sowie die Stärkung der Menschenrechte in der Region.
Yolima gibt einen Workshop in ihrem kolumbianischen Heimatdorf.
Yolima, wie hast du all die Veranstaltungen hier erlebt?
Es gab so viele bereichernde und ermutigende Begegnungen! Ich denke, ich konnte zeigen, was die Vicaría macht und habe gleichzeitig erfahren, wie die Menschen in der Schweiz ticken. Viele teilen unsere Ideen, es gibt eine grosse Sensibilität für die Wichtigkeit von Saatgut und die Bewahrung der Natur.
Ist dir eine Begegnung besonders in Erinnerung geblieben?
Ein Austausch über lokales Saatgut an einer Veranstaltung in Lugano. Da zeigten sich erstaunliche Gemeinsamkeiten im Umgang mit Saatgut: Das Zurückgewinnen alter, traditioneller Sorten ist heute im Tessin ein genauso grosses Thema wie bei uns im Amazonasgebiet. Und der Tessiner Saatgutexperte hat sich später noch gemeldet und möchte die Kontakte vertiefen, was mich wirklich freut. Ausserdem wurde das Treffen dort von einem Kolumbien-Verein mitorganisiert, und es gab richtig gutes kolumbianisches Essen!
Was wollten die Leute an den Veranstaltungen alles so wissen?
Es gab viele Fragen über die Lage in Kolumbien, etwa zur politischen Situation und zur Verarbeitung der Folgen des Bürgerkriegs. Aber auch, ob die Spenden wirklich nach Kolumbien gehen… Ich denke, ich konnte überzeugend darlegen, wieviel die finanzielle Unterstützung aus der Schweiz bei uns bewirkt.
Gab es etwas, das dich überrascht hat?
Einmal kam ein Herr nach der Präsentation zu mir und drückte mir direkt 100 Franken in die Hand! (lacht) Ich habe diese Spende dann gleich an die Kollegin von Fastenaktion weitergegeben.
Was hoffst du, dass die Menschen von diesen Begegnungen mit dir mitnehmen?
Vielleicht konnte ich ein wenig dazu beitragen, dass sie sich die Zuversicht bewahren, dass es eine gerechtere Welt geben kann, wenn wir gemeinsam daran arbeiten. Und dass auch sie hier mithelfen können, die Situation zu verbessern.
Was sind die grössten Herausforderungen für die Menschen in Kolumbien?
Die Armut und die Ungleichheit zu überwinden, die Risiken durch Gewalt, die Anpassung an die Klimaerwärmung, die Aufrechterhaltung der Biodiversität, die Geschlechtergerechtigkeit. Ausserdem die fairere Verteilung von Macht, damit mehr Leute über ihre Zukunft mitentscheiden können.
Ein agrarökologischer Gemüsegarten, der von Vicaría del Sur angelegt wurde.
Wie hilft Vicaría del Sur, dies alles anzugehen?
Wir nutzen dafür drei Ansätze: Erstens den Glauben daran, dass sich diese Probleme überwinden lassen, denn jeder gute Christ ist auch ein guter Bürger. Zweitens konkrete Massnahmen zur Bewahrung des Amazonasgebiets – etwa durch den Kampf gegen die Abholzung für Viehzucht mit unserem Konzept Finca Amazónica, das auf Agrarökologie, traditionelles Saatgut und Wasserschutz setzt. Drittens durch die Stärkung der Frauenrechte, Kinderrechte und Rechte des Amazonasgebiets. Vieles davon passiert durch Schulungen. Und wir berücksichtigen dabei die konkreten Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und nutzen vorhandenes Wissen und Traditionen.
Und wie trägt Fastenaktion zu dieser Arbeit bei?
Neben der finanziellen Unterstützung stand uns Fastenaktion in der Bürgerkriegszeit auch immer sozial zur Seite. Ausserdem entsteht durch die Kooperation ein nützliches Netzwerk, ein Austausch mit anderen Organisationen, die in ähnlichen Bereichen arbeiten. Zudem wird unser Personal geschult. All dies passiert im Dialog mit uns und der Bevölkerung und fördert nachhaltige Veränderungsprozesse.
Du bist seit 38 Jahren bei der Vicaría engagiert: Was hat sich seit damals verändert?
Vieles! Zu Beginn ging es vor allem darum, genug Nahrung herzustellen. Heute geht es um deren Qualität, also dass die Ernährung gesund und nährstoffreich ist. Heute ist auch allen bewusst, wie wertvoll das Amazonas-Ökosystem ist, und dass es sehr wohl möglich ist, in ihm zu leben, ohne es zu zerstören. Anders als früher wissen wir auch, dass es neben der Arbeit vor Ort auch eine auf politischer Ebene braucht, um tatsächlich etwas zu erreichen. Deshalb legen wir einen Fokus darauf, dass die Menschen ihre Rechte auch einfordern.
Hat sich dadurch auch ihr Alltag verändert?
Oh ja. Die kleinbäuerlichen Familien hatten damals keine Nahrung, kein Saatgut und bauten vor allem Kokapflanzen an. Das ist heute ganz anders. Viele haben kleine Höfe, die genug gesunde Nahrung für sich selbst und sogar Überschüsse produzieren, welche die Familien auf dem Markt verkaufen können. Enorm gewandelt hat sich dank unserer Arbeit auch die Situation der Frauen: Sie wissen heute, was ihre Rechte sind, es wird ihnen mehr zugetraut und zugestanden. Sie sind unabhängiger geworden, fällen ihre eigenen Entscheide und mischen auch politisch mit.
Am 31. Mai finden in Kolumbien Präsidentschaftswahlen statt: Zeichnet sich schon ab, wer gewinnt?
Es gibt drei Kandidierende mit Wahlchancen, ein progressiver, Iván Cepeda, der das Programm des aktuellen Präsidenten Gustavo Petro fortsetzen will, und zwei konservative, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten und rückgängig machen wollen, was Petro erreicht hat. Es besteht leider ein gewisses Risiko, dass sich im zweiten Wahlgang die Stimmen der Konservativen addieren und sich einer von ihnen durchsetzt. Das wäre ein Rückschritt für unsere Arbeit und das Land.
Bist du das erste Mal in der Schweiz?
Nein, ich war vor 20 Jahren schon mal hier, ebenfalls auf Einladung von Fastenaktion. Und mir fällt auf, dass es wärmer geworden ist und weniger Schnee in den Bergen liegt. Es gibt auch deutlich mehr Gebäude. Aber es war erneut sehr spannend für mich, hier zu sein und diese ganz andere Gesellschaft und Kultur zu erleben.
Im Rahmen eines Gottesdienstes in Flawil spricht Yolima über ihre Arbeit und ihren Alltag in Kolumbien.
Was gefällt dir besonders?
Alles ist gut organisiert, sauber und ordentlich. Spannend finde ich, dass es in jeder Region unterschiedliche Kulturen gibt, sich aber dennoch alle als Schweizer und Schweizerinnen fühlen. Grossartig ist ausserdem, dass die Jungen hier nicht nur zur Schule gehen können, sondern danach auch gute Jobs finden.
Wie erlebst du die Menschen im Vergleich mit Kolumbien?
Die Leute sind ernster, weniger warmherzig, zurückhaltend, aber wenn sie dann auftauen und sich öffnen, gibt es sehr schöne Begegnungen. Mir ist auch aufgefallen, wie still es an den Universitäten ist. In Kolumbien ist es viel lärmiger, und es wird viel mehr gelacht.
Was wirst du zu Hause von deinem Besuch in der Schweiz erzählen?
Ich werde von der Schönheit erzählen, den wunderbaren Seen, den eindrücklichen Alpen, dem tollen Transportsystem. Davon wie anders es ist und dass man viel Geld haben muss, um hierher zu kommen. Aber auch wie dankbar ich bin für die Unterstützung unserer Arbeit aus der Schweiz, von Fastenaktion, der Kirche, der Regierung. Dank dieser Hilfe haben wir die Freiheit, die realen lokalen Bedürfnisse anzugehen – es ist ein Wandel, der Zeit braucht, und Fastenaktion weiss und berücksichtigt das. Und das Schönste ist, dass diese Unterstützung über das Finanzielle hinausgeht, ich habe in meiner Zeit hier echte Wärme und Freundschaft erfahren.
Ökumenische Kampagne 2026
Unter dem Motto «Wer Saatgut hat, kann Zukunft säen» klären Fastenaktion, HEKS und Partner sein während der Fastenzeit über globale Zusammenhänge auf. Gemeinsam zeigen die Organisationen auf, warum Menschen an Hunger leiden und in Armut leben – und präsentieren Lösungsansätze zur Bewältigung globaler Ungerechtigkeiten.
Weitere Informationen und Inhalte der Kampagne finden Sie hier.