
Joy Pelino stärkt in Workshops das Wissen zu Klimagerechtigkeit.
Wie stark spüren die Philippinen die Klimaerwärmung?
Joy: Sehr stark, insbesondere extreme Wetterbedingungen haben zugenommen. Dazu gehören Supertaifune, die in den Regionen an der Pazifikküste regelmässig enorme Schäden anrichten (wie im November 2025, Fastenaktion berichtete). Die meisten unserer Projektpartner sind fast jedes Jahr damit konfrontiert; was einst Ausnahmesituationen waren, gilt heute als normal. Und viele Menschen verlieren dabei ihr Dach über dem Kopf, ihre Boote, ihre Ernten – manche auch ihr Leben.
Ben: Die Philippinen gehören zu den Ländern, die am stärksten von der Klimaerwärmung bedroht sind. Sie sind mit so ziemlich allen vorstellbaren Folgen konfrontiert. Neben Supertaifunen gehören dazu auch Dürren und der stete Anstieg des Meeresspiegels. Dies wirkt sich nicht nur auf die Lebensgrundlagen der Menschen aus, sondern gefährdet auch ihre Ernährungssicherheit und den sozialen Zusammenhalt. Erschwerend kommt hinzu, dass es in den Philippinen viele Lücken bei der Klimapolitik gibt: Die Regierung setzt nicht genug Geld ein, um Präventions- oder Anpassungsmassnahmen umzusetzen – oder die Menschen für Verluste und Schäden zu kompensieren.
Ben und Joy
Ben Galil Te (30) verantwortet die Zusammenarbeit mit Fastenaktion zu Klimagerechtigkeit bei unserer Partnerorganisation Manila Observatory in den Philippinen. Dieses gemeinnützige Forschungsinstitut stärkt lokale Gemeinden auf Basis wissenschaftlicher Arbeit, um die Herausforderungen der Klimaerwärmung zu bewältigen. Daneben forscht es an Lösungen für weitere Umweltprobleme.
Joy Pelino (45) ist Ko-Koordinator von Fastenaktion in den Philippinen mit einem Schwerpunkt auf Klimagerechtigkeit.

Ben Galil Te setzt sich für Klimagerechtigkeit ein.
Das Land ist also nicht gut gerüstet, um mit den Folgen umzugehen?
Ben: Was die Regierung tut, reicht eindeutig nicht. Es gibt zu wenig Mittel, die zudem nicht effizient eingesetzt werden. Hinzu kommen Korruptionsprobleme: Geld, das für die Bekämpfung der Klimaerwärmung vorgesehen wären, wird nicht dafür eingesetzt. Ein Problem sind auch widersprüchliche Interessen auf politischer Ebene. So machen zum Beispiel viele Unternehmen Druck gegen strengere Regulierungen, die präventiv wirken würden.
Joy: Tatsächlich verfügen wir sogar über viele gute Gesetze, die werden nur nicht umgesetzt. Und zum Stichwort Korruption: Kürzlich gab es ein Bauprojekt, das die Auswirkungen von Hochwasser in den Gemeinden hätte abmildern sollen. Aber am Ende wurde davon kaum etwas realisiert, stattdessen landete das Geld in den Taschen von Politiker:innen und Bauunternehmer:innen. Es fehlt schlicht an Rechenschaftspflicht.
Was ist das Ziel der Zusammenarbeit zwischen Fastenaktion und Manila Observatory?
Ben: Wir arbeiten politisch auf allen drei Ebenen: lokal, national und international. Auf Gemeindeebene geht es vor allem um den Aufbau von Fähigkeiten im Bereich der Forschungs- und Lobbyarbeit. Dabei kooperieren wir eng mit anderen Partnerorganisationen von Fastenaktion. Auf nationaler Ebene engagieren wir uns politisch und versuchen, Rahmenbedingungen und Gesetze zu verbessern – insbesondere zur Entschädigung von Verlusten und Schäden nach Naturkatastrophen und zu einem gerechten Wandel in eine klimafreundlichere Zukunft (siehe Box).
Und auf internationaler Ebene?
Ben: Da gibt es zwei Aspekte. Wir arbeiten mit den Partnerorganisationen von Fastenaktion aus anderen Ländern zusammen, die sich für Klimagerechtigkeit einsetzen. Ausserdem engagieren wir uns – wie Fastenaktion – bei den internationalen Klimakonferenzen der Vereinten Nationen (COP). Dort versuchen wir, mit der philippinischen Delegation und anderen Organisationen in Kontakt zu treten und den Verhandlungsprozess mitzugestalten.
Joy: Fastenaktion in den Philippinen wiederum profitiert vom Fachwissen des Manila Observatory, denn dort arbeiten Wissenschaftler:innen aus verschiedenen Fachgebieten. Das fördert bei uns ein stärker fundiertes und auf Daten gestütztes Verständnis der Klimaproblematik. So lassen sich etwa nach Stürmen die Verluste und Schäden genauer beziffern, was hilfreich ist gegenüber den Behörden. Die lokalen Partner und das landesweit aktive Manila Observatory ergänzen sich zudem ausgezeichnet – auch bei der politischen Lobbyarbeit.
Zwei Schwerpunktthemen der Zusammenarbeit
Loss and Damages (Verluste und Schäden)
Ziel: International einen finanziellen Mechanismus etablieren, um Menschen etwa für von Taifunen zerstörte Felder oder Häuser zu entschädigen. In diesen Fonds zahlen jene Länder ein, die für die Klimaerwärmung primär verantwortlich sind, derweil ärmere Staaten, die an der Klimakrise wenig Schuld tragen, für die Bewältigung der Folgen daraus Gelder beziehen können. Fastenaktion und ihre Partnerorganisationen engagieren sich international und national für eine faire Bewirtschaftung dieses Fonds. Gleichzeitig unterstützen sie lokale Gemeinschaften in mehreren Ländern dabei, Schäden präventiv zu reduzieren, und ihre Rechte bei den Behörden und internationalen Gremien einzufordern.
Just Transition (gerechter Wandel)
Ziel: Gemeinschaften im Globalen Süden sollen wegen der Energiewende und anderen Klimaschutzmassnahmen für eine klimafreundlichere Zukunft nicht noch mehr unter Druck geraten. So bedrohen Staudämme oder Minen für die Materialien in unseren Akkus den Zugang zu Feldern und gefährden somit die Produktion von ausreichend Nahrung. Der notwendige wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel muss die Menschenrechte respektieren, sozial gerecht gestaltet und gemeinsam mit notwendigen Umstellungen gedacht werden, etwa in der Landwirtschaft. Zudem braucht es finanzielle Unterstützung durch die wohlhabenden Länder.
Welche Fähigkeiten werden bei den Gemeinschaften gestärkt?
Ben: Konzeptionelles Wissen – etwa was Klimaverantwortlichkeit bedeutet und wie sie lokal, national und international erreicht werden kann – aber auch praktische Fähigkeiten. Zum Beispiel, wie man Lobbyarbeit betreibt, wie man Daten sammelt und ein Monitoring durchführt oder wie man effektiv nach aussen kommuniziert. Das Ziel ist, dass die Gemeinschaften die Klimagerechtigkeit möglichst effektiv in ihre Lobbyarbeit einbeziehen.
Joy: Dabei arbeiten wir in den Workshops immer mit konkreten Fällen von Partnerorganisationen, die Verluste und Schäden erlitten haben. Ein Schwerpunkt ist auch die Stärkung von Frauen, denn es sind vor allem sie, die unter den Folgen der Klimaerwärmung leiden.
Ben: Der Lerneffekt verläuft dabei in beide Richtungen. Denn konkrete Problembeispiele aus den Gemeinschaften sind entscheidend für unsere Forschung und für die politische Lobbyarbeit auf allen Ebenen.

Extreme Wetterbedingungen bedrohen die Lebensgrundlagen von Fischerinnen in den Philippinen.
Nehmt ihr Fortschritte durch eure Arbeit wahr?
Joy: Durchaus. Es gibt Beispiele, wo Gemeinschaften es geschafft haben, Projekte von grossen Unternehmen zu beeinflussen und lokal zu verankern – indem Gemeinden mitreden können und etwa an der Verwaltung eines Solar- oder Windparks beteiligt sind.
Bewirkt ihr auch etwas bei den Behörden und in der Politik?
Ben: Ganz klar. Wir konnten etwa einen Beitrag leisten zum Antrag der Philippinen auf Zugang zu einem internationalen Fonds zur Entschädigung von Verlusten und Schäden nach Naturkatastrophen. Auch sind Vorschläge von uns eingeflossen in die Pläne der philippinischen Regierung zu einem gerechten Übergang in eine klimafreundlichere Zukunft. Dazu wird derzeit ein gesetzlicher Rahmen ausgearbeitet, und wir wollen sicherstellen, dass dieser die Menschenrechte berücksichtigt. Beeinflusst haben wir auch den Gesetzentwurf zur Klimaverantwortlichkeit im philippinischen Parlament.
Was sind die Herausforderungen, die es dabei zu überwinden gilt?
Ben: Der Arbeitsaufwand dafür ist enorm. Und wie schon erwähnt gibt es hier zahlreiche Probleme mit der Regierungsführung und der Korruption. Sich unter diesen Umständen Gehör zu verschaffen, bleibt eine Herausforderung. Aber wir sind ja nicht allein, sondern arbeiten innerhalb eines ganzen Netzwerks von zivilgesellschaftlichen Organisationen. Dadurch haben wir eine grössere Schlagkraft. Und die Korruptionsbekämpfung ist inzwischen fest in unsere Arbeit integriert. Wir wollen, dass es bessere Standards gibt, dass Transparenz herrscht und Rechenschaft abgelegt wird.
Joy: Das alles ist auch in der weiteren Arbeit von Fastenaktion in den Philippinen ein Thema. Wir können nur dann in den Gemeinschaften nachhaltig etwas bewirken, wenn auch die Regierung besser wird. Doch das bleibt zäh. Aber wenigstens sind wir nicht allein, sondern kämpfen solidarisch – es ist quasi ein Schwarmangriff, bei dem wir mit vielen verschiedenen Ansätzen auf das gleiche Ziel hinarbeiten.

Jayvy Gamboa von Manila Observatory an einem Side Event an der COP30 in Brasilien.
Wegen des Iran-Kriegs haben erneuerbare Energien auch in den Philippinen einen Aufschwung erlebt. Könnte das zu einer echten Energiewende führen?
Ben: Die Philippinen sind stark von importierten fossilen Brennstoffen abhängig und wurden von den Folgen des Kriegs besonders schwer getroffen. Die Preise für alles sind gestiegen, nicht nur für Treibstoffe. Aber schon zuvor gab es ein wachsendes Interesse an erneuerbaren Energien, viele Unternehmen sind dort eingestiegen. Das Problem ist nur, dass dabei weder die Umwelt noch die Interessen der lokalen Gemeinschaften berücksichtigt werden. Es sind zudem vor allem Unternehmen der fossilen Energiebranche, die nun einfach ihr Monopol ausweiten, um auch die Erneuerbaren zu kontrollieren – es handelt sich um einen Wettbewerb zwischen einigen wenigen, reichen Familien. So sehr wir diesen Umstieg auf erneuerbare Energien begrüssen, wollen wir auch vermeiden, dass dies überstürzt und rücksichtslos geschieht. Aktuell wehren wir uns sogar gegen einige Projekte, die Vertreibungen und negative ökologische Auswirkungen zur Folge hätten.
Im November findet wie üblich die Uno-Weltklimakonferenz statt, diesmal im türkischen Antalya (COP31). Fastenaktion und Manila Observatory werden vor Ort sein. Was erhofft ihr euch von dieser Verhandlungsrunde?
Ben: Bei den letzten Konferenzen gab es eine gewisse Dynamik zum Thema des gerechten Wandels zu einer klimafreundlicheren Welt. Darauf wollen wir aufbauen und zudem erreichen, dass auch die Entschädigung der Menschen für Verluste wegen der Klimakrise in die offizielle Traktandenliste aufgenommen wird. Und natürlich hoffen wir auf deutlich sichtbare Fortschritte. Aufbauend auf der COP30 vom letzten Jahr in Brasilien sollten wir nun in eine Ära der konkreten Umsetzung eintreten. Doch viele Länder des Globalen Südens werden dabei finanzielle Unterstützung brauchen – darüber muss gesprochen werden.
Bei all dem Fortschritte zu erreichen, ist nicht leicht. Was gibt euch Hoffnung, dass es dennoch gelingen wird?
Ben: Die Solidarität, die wir auf allen Ebenen erfahren. Viele Länder haben dieselben Probleme wie die Philippinen – nicht nur mit dem Klima, sondern auch mit der ungenügenden Regierungsführung. Die Entschlossenheit von Mitstreiter:innen in anderen Ländern inspiriert uns. Und sich auszutauschen und voneinander zu lernen, ist sehr wertvoll. Wenn wir die Regierung zur Rechenschaft ziehen wollen, braucht es starken öffentlichen Druck, die Menschen müssen Veränderungen einfordern. Und das passiert nun zunehmend, dank starker Solidarität – daraus schöpfen wir unsere Hoffnung.
Joy: Es geht darum, die Lebensumstände der Menschen vor Ort zu verbessern, die unter den Folgen der Klimaerwärmung leiden. Und auch wenn die Herausforderungen gross sind, spüre ich in den lokalen Gemeinschaften viel Hoffnung, weil es so viele Menschen gibt, die sich auf verschiedenen Ebenen aktiv engagieren. Das zu erleben, gibt auch mir den Mut weiterzumachen. Das scheint mir zudem zentral an den grossen internationalen Konferenzen: Sich daran zu erinnern, dass hinter all diesen Zahlen und Diskussionen konkrete Menschen stehen, deren Leben sich zum Besseren verändern können und müssen.
Weltklimakonferenz (COP31)
Die Uno-Weltklimakonferenz ist der wichtigste politische Prozess, an welchem die globale Staatengemeinschaft an einem Tisch zusammenkommt, um Lösungen zur Klimakrise zu finden. Auch die Zivilgesellschaft kann sich einbringen und den Diskurs mitprägen. Darum nehmen wir gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen aus dem Globalen Süden an der COP31 (09. – 20. November 2026) in der Türkei teil. Weitere Informationen zu unseren Aktivitäten an der COP31 finden Sie im Newsticker.

