
Workshop-Teilnehmende des Aktionsforums tragen Eimer voller Wasser von einem Brunnen zum Berner Bahnhofplatz.
Ein Eimer Wasser ist ganz schön schwer, wenn man ihn mehrere Hundert Meter durch die Berner Altstadt tragen muss. Diese ungewohnte Erfahrung machten gleich mehrere Teilnehmende des Aktionsforums von Fastenaktion, das dieses Jahr am Welternährungstag vom 16. Oktober stattfand. Sie erlebten am eigenen Leib, was insbesondere für viele Frauen im Globalen Süden Alltag ist: Weil sie weder bei sich im Haus noch auf ihrem Feld fliessend Wasser haben, müssen sie das kostbare Nass über weite Strecken von einem Brunnen heranschleppen – im Idealfall, ohne etwas davon auf dem Weg zu verschütten. Was in Bern nicht ganz allen gelang.
Der Wassertransport war Teil eines Workshops, den Fastenaktion gemeinsam mit «Agroecology Works!» durchführte. Die Organisation hatte auf dem Bahnhofplatz ein kleines Agrarökologie-Camp aufgebaut, mit zahlreichen Informationen und Aktionen. Dort angekommen bewässerten die Wasserträger:innen ein paar Beete und hörten sich dann eine Künstlerin an, die clevere Reime über Elon Musk und seine Mars-Pläne formulierte. Sie regte an, doch lieber zu unserem blühenden Planeten mehr Sorge zu tragen, statt eine ferne eisige Wüste neu zu erschliessen.
Wie funktioniert Agrarökologie?
Agrarökologie ist eine soziale Bewegung, die sowohl wissenschaftliche Forschung als auch landwirtschaftliche Praxis umfasst. Im Zentrum steht dabei die Ausrichtung auf nachhaltige, gerechte, widerstandsfähige Anbau- und Ernährungssysteme. Agrarökologische Anbaumethoden führen zu einer lokal angepassten und umweltschonenden Landwirtschaft, welche die Ernten verbessert, die Anpassung an die Folgen der Klimaerwärmung erleichtert und dadurch Hunger verhindert. In den Projekten von Fastenaktion ist dieser Ansatz zentral, um Ernährungssicherheit zu erreichen und die Selbstbestimmung der Menschen zu stärken. Agrarökologie beinhaltet auch politische, soziale sowie kulturelle Aspekte und wirkt sich auf das gesamte System der Lebensmittelproduktion aus, vom Feld bis zum Teller.
Mitgestalten und Verantwortung übernehmen
Auch das Aktionsforum beschäftigte sich dieses Jahr mit der Zukunft: Gemeinsam mit Gästen und Publikum lotete Fastenaktion aus, wie die globale Ernährung und die Landwirtschaft im Jahr 2050 aussehen könnten – und was es braucht, damit künftig alle Menschen ausreichend und gesund essen können, ohne dabei Umwelt und Klima zu ruinieren.
«Wir hier können mitgestalten und müssen Verantwortung übernehmen», mahnte zu Beginn des Tages Lucrezia Meier-Schatz an, Präsidentin des Stiftungsforums von Fastenaktion sowie ehemalige Mitte-Nationalrätin. «Die traditionelle Lebensweise und wirtschaftliche Unabhängigkeit der kleinbäuerlichen Familien im Globalen Süden ist bedroht – dagegen müssen wir ankämpfen», forderte sie und erinnerte daran, dass aktuell rund 30 Prozent der Weltbevölkerung unter Unterernährung und Hunger leiden. «Tendenz steigend.»
Steile Hänge, Klimaerwärmung, Schulgärten
Anwesend waren auch die Teams, welche die Arbeit von Fastenaktion in Nepal und Burkina Faso koordinieren. Sie berichteten von den Herausforderungen und Erfolgen in ihren Heimatländern. «Wie in den Schweizer Bergen ist die Landwirtschaft auch an den steilen Hängen des Himalayas in Nepal nicht leicht», sagte Prashanta Raut, «Maschinen sind oft keine Option, vieles ist Handarbeit. Hinzu kommen die Klimaerwärmung und dass viele Junge auf der Suche nach besseren Jobs abwandern.» Dennoch überzeugt die Agrarökologie mehr und mehr Familien in Nepal. Sie bewahren dadurch einen Teil ihres kulturellen Erbes und haben zudem genügend gesunde Nahrung auf dem Tisch.
In Burkina Faso ist es sogar gelungen, die Agrarökologie in der nationalen Landwirtschaftspolitik zu verankern. «Schulgärten sind heute zum Beispiel überall Pflicht», erzählt Natacha Compaoré. «Die Kinder lernen, Gemüse zu säen und zu pflegen – und was sie später ernten, wird in den Schulkantinen direkt verarbeitet und serviert.» Wer mehr über unsere Arbeit in diesen beiden Ländern erfahren wollte, hatte am Nachmittag Gelegenheit, Workshops bei unseren Koordinator:innen zu besuchen.
Was ist das Aktionsforum?
Fastenaktion hat das Aktionsforum nun bereits zum vierten Mal durchgeführt. Mit dieser Impulstagung wollen wir Menschen erreichen, die sich wie wir für globale Solidarität und eine Welt ohne Hunger engagieren – innerhalb und ausserhalb der Kirche. Es geht um Dialog, Austausch und gemeinsames Lernen. Der Anlass hat sich aus den früheren Herbsttreffen des Stiftungsforums herausentwickelt. Dieses Gremium wählt die Mehrheit der Stiftungsratsmitglieder und die Geschäftsprüfungskommission. Ausserdem berät es Fastenaktion bei wichtigen Inlandsprojekten und Kampagnen.

Geneviève Savigny (Mitte) im Gespräch mit Barthélémy Sam und Natacha Compaoré aus Burkina Faso, moderiert von FA-Mitarbeiter Leon Jander.
Fehlanreize und problematische Weltlage
Zuvor moderierte Bernd Nilles, Direktor von Fastenaktion, ein Podiumsgespräch mit Fachleuten. Dabei forderte die Mitte-Politikerin und Unternehmerin Christina Roth, Fehlanreize bei Subventionen zu beseitigen. «Es braucht zudem gezielte Massnahmen für Bodenfruchtbarkeit und neue Bewässerungssysteme, ohne dabei bürokratischen Aufwand zu generieren.» Niklaus Salzmann von der OGG Bern plädierte für mehr Konzernverantwortung und weniger Billigimporte. «Ausserdem wird die Landwirtschaft öffentlich stark durch Männer vertreten – es wäre schön, wenn da etwas Bewegung reinkäme.»
Laura Sommer vom Bundesamt für Landwirtschaft hielt fest, dass die Schweiz sich international bereits für bessere globale Rahmenbedingungen einsetze. «Leider müssen wir derzeit jedoch eher dafür kämpfen, Rückschritte zu verhindern. Dies wird sich hoffentlich auch wieder mal ändern – dafür braucht es jedoch eine andere Weltlage mit mehr Dialog und Diplomatie.» Konkrete Tipps für den Alltag kamen von Geneviève Savigny, Mitglied der Uno-Arbeitsgruppe zur Umsetzung bäuerlicher Rechte: «Kaufen Sie lokal ein, berücksichtigen Sie lokale Produzent:innen, interessieren Sie sich für die Dinge, die global geschehen, mischen Sie sich ein.»
Engagierte Tischgespräche
Die rund 80 Personen im Publikum hörten nicht nur interessiert zu, sondern diskutierten auch rege mit. In kleinen Runden wurde ausgetauscht, inwiefern man selbst Teil des globalen Ernährungs- und Agrarsystems ist, welche Ernährungszukunft man sich für die nächste Generation wünscht und wie man sich für eine Verbesserung der Situation engagieren könnte.
Ein weiterer Nachmittagsworkshop beschäftigte sich zudem explizit mit der Zukunft. Die Teilnehmenden bekamen mehrere mögliche Szenarien präsentiert, wie sich Ernährung und Landwirtschaft in der Schweiz und in der Demokratischen Republik Kongo bis 2050 entwickeln könnten – einige hoffnungsvoller, andere weniger. Moderatorin Chantal Peyer fragte sie, was für Gefühle bei ihnen dabei entstehen und welche Risiken und Chancen sie jeweils identifizieren können. «Vor allem aber: Was können wir tun, um das eine zu verhindern und das andere zu fördern?»
Die Erkenntnisse und Impulse aus all diesen angeregten Debatten wird Fastenaktion mitnehmen und auch in ihre Arbeit hineintragen. Gleichzeitig hoffen wir auch auf die Gäste dieses Tages, wie Lucrezia Meier-Schatz zum Abschluss noch klarmachte: «Wir stehen vor grossen Herausforderungen, auch wegen der Kürzungen und Umschichtungen von staatlichen Geldern. Das können wir nicht einfach so hinnehmen. Sprechen Sie mit Ihren politischen Vertreter:innen darüber, engagieren Sie sich!»
Erfahren Sie hier mehr über unsere wirkungsvolle Arbeit im Globalen Süden.














