
Chiara Cantoreggi und Beat Curau-Aepli haben sich über ihre Erfahrungen auf ihren Reisen mit Fastenaktion ausgetauscht.
Was hat euch besonders beeindruckt auf euren Reisen?
Chiara Cantoreggi: Wie gut Fastenaktion in Kenia organisiert und vernetzt ist – gerade letzteres ist in unserer Arbeit zentral. Beeindruckt hat mich auch, wie gross die Wirkung ist, die wir damit haben. Den Menschen eröffnet sich dadurch eine hoffnungsvollere Zukunft, entsprechend viel Dankbarkeit haben wir auch überall gespürt.
Beat Curau-Aepli: In Guatemala hat mich beeindruckt, wie die Frauen in einem Projekt unserer Partnerorganisation CODEMAV mit einfachsten Strukturen echte Veränderungen erreichen. Ich erlebte an einem Anlass zu Setzlingen einen eindrücklich professionellen Austausch von Wissen in einem Netzwerk von Tausenden von Frauen. Mich hat aber auch beeindruckt, wie sich das Land seit meinem letzten Besuch 1985 verändert hat.
Zum Beispiel?
Beat: Die ganze Atmosphäre ist anders – damals war sie völlig angstgeprägt, denn es gab Gewalt in ungeheurem Ausmass (mehr zur Geschichte von Guatemala). Es traute sich kaum jemand, irgendwas zu sagen, weil alle verdächtigt wurden, vom Sicherheitsdienst zu sein. Heute reden die Menschen sehr offen, auch politisch. Ausserdem hat fast jedes Dorf heute Strom. Hunger und Armut sind allerdings noch immer da, Guatemala verschleiert dies jedoch mit fröhlichen Farben. Alle sind schön und gut angezogen, legen grossen Wert auf Sauberkeit. Das verdeckt vieles. Unsere Projekte bewirken stetige, kleine Verbesserungen, die aber immer hart erkämpft werden müssen.
Chiara Cantoreggi
Chiara Cantoreggi (56) ist Geschäftsleiterin der «Fondazione Nuovo Fiore in Africa» und sitzt seit 2023 im Stiftungsrat von Fastenaktion. Sie lebt im Tessin. Im April 2026 hat sie unsere Projekte in Kenia besucht. Sie war zum ersten Mal in diesem Land, ist jedoch für ihre Arbeit regelmässig in anderen afrikanischen Ländern unterwegs.
Gab es ein Erlebnis, das euch haften geblieben ist?
Chiara: Der Empfang durch fröhliche tanzende Frauen bei jedem Besuch. Ich habe zwar ihre Sprache nicht verstanden, fühlte mich aber sofort aufgenommen – ein sehr schönes Erlebnis. Und man muss mitmachen; es spielt keine Rolle, wie genau, Hauptsache man tanzt mit. Es gab aber auch ein negatives Erlebnis, das mir geblieben ist: Die Zerstörungen der Landschaft in einer Region, wo Goldabbau betrieben wird. Es gab kein Grün mehr, nur überall Löcher im Boden. Ich wusste, dass es das gibt, aber es so unmittelbar live zu sehen, war erschütternd.
Beat: Ich habe gestaunt, wie gewissenhaft die Spargruppen in Guatemala organisiert sind, die wir besucht haben. Alles lief nach einem minuziösen Plan ab – besser als bei jeder Schweizer Gemeindeversammlung! Für die Unterstützung dieses Ansatzes ist wirklich jeder Spendenfranken super eingesetzt.

Beat in Guatemala: «Unsere Projekte bewirken stetige, kleine Verbesserungen, die aber immer hart erkämpft werden müssen».
Wie hat die Reise eure Sicht auf unsere Arbeit geprägt – allenfalls auch verändert?
Beat: Für mich war es eine Bestätigung, wie gut unsere Arbeit tatsächlich funktioniert – bisher wusste ich das nur in der Theorie. Es ist zudem schön zu sehen, wie stolz die Leute auf ihre Erfolge sind, sie feiern sie richtig. Und sie stehen auch voll hinter unserem Ansatz: Wir geben nicht einfach Geld, stellen etwas hin und hoffen, dass es funktioniert. Die Menschen selbst verändern ihre Situation, begleitet und unterstützt von uns.
Chiara: Ich finde es wichtig, dass man als Mitglied eines Stiftungsrats auch die operative Seite der Arbeit kennt. Dadurch versteht man besser, wie was funktioniert und was die Schwierigkeiten sind. Unsere Koordinatorin in Kenia, Stellamaris Mulaeh, ist eine beeindruckende, starke Persönlichkeit und hat ein kompetentes Team aufgebaut. Entsprechend gut ist die Wirkung ihrer Arbeit – so gut, dass zahlreiche andere Gemeinschaften interessiert sind, ebenfalls mitzumachen. Doch Stella und ihr Team haben dafür richtigerweise ein strenges Auswahlverfahren. Nur so findet man Partner, die mit den gleichen Vorstellungen und Werten unterwegs sind; das stärkt auch das Vertrauen untereinander.
Beat Curau-Aepli
Beat Curau-Aepli (67) ist ein pensionierter Unternehmer, der von 2014 bis im Sommer 2026 im Stiftungsrat von Fastenaktion sass (er bleibt uns eng verbunden, auch wenn er wegen Amtszeitbeschränkung aus dem Rat austreten musste). Er wohnt in Weinfelden TG. Im November 2025 hat er gemeinsam mit seiner Frau unsere Projekte in Guatemala besucht. Sie waren 1985 schon einmal dort – auf ihrer Hochzeitsreise.

Chiara hat in Kenia die operative Arbeit von Fastenaktion besser kennengelernt.
Was nehmt ihr als die grössten Herausforderungen wahr für die Veränderungen, die wir anstreben?
Chiara: Es braucht Zeit, um Dinge wirklich zu verändern – dass Menschen diese Entwicklungsprozesse durchmachen können, dauert Jahre. Oft kommt die Klage: Wir haben doch schon so viel Geld gegeben, und es geht den Leuten immer noch so schlecht! Aber nachhaltige Veränderungen passieren nun mal nicht von heute auf morgen. Und wir erreichen ja immer nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Dennoch: Die Erfolgsgeschichten sprechen für sich. Und wirksame Ansätze wie Solidaritätsgruppen verbreiten sich inzwischen sogar ohne unser Zutun weiter.
Beat: In Guatemala besteht eine Herausforderung darin, dass die Indigenen sich ihrer Rechte stärker bewusst werden und die Herrschenden sich dadurch bedroht fühlen und mit Gewalt reagieren. Wer vom System profitiert, lässt sich das nicht einfach nehmen. Das zu durchbrechen, ist eine Riesenaufgabe, und Fastenaktion kann da nur begrenzt Einfluss nehmen. Aber die Schweiz als Land könnte vielleicht die Stimme erheben, um Repression zu verhindern oder eine Gewaltspirale zu durchbrechen. Und trotz allem: Aktuell ist die Hoffnung im Land gross auf eine positive Entwicklung.

Sowohl in Guatemala als auch in Kenia organisieren sich die Frauen in Spargruppen, um sich gegenseitig mit zinslosen Krediten auszuhelfen.
Was findet ihr sollten wir anders oder auch noch machen?
Chiara: Wir sollten in der Schweiz die Lebensrealität der Menschen im Globalen Süden stärker sichtbar machen. Vielen hier ist nicht bewusst, wie gravierend die Folgen der aktuellen Krisen sind, etwa wenn Treibstoff fehlt und dadurch die Versorgung mit Lebensmitteln erschwert wird. Ansonsten sind wir meines Erachtens gut unterwegs und bewirken schon jetzt viel. Wir haben eine gute Spezialisierung, insbesondere mit der Lokalisierung.
Beat: So weiterzuarbeiten wie bisher ist auf jeden Fall gut, das sehe ich genauso. Daneben müssen wir beweglich genug bleiben, uns an verändernde Situationen anpassen. Derzeit schauen wir, wie und wo wir unsere Nothilfe ausbauen können. Die Naturkatastrophen wegen der Klimaerwärmung nehmen zu, und wir müssen sicherstellen, dass die Menschen auch unter diesen erschwerten Bedingungen weiterarbeiten können. Fastenaktion ist dafür hervorragend positioniert, weil wir so viele Leute vor Ort haben, die genau wissen, wo man was am Ehesten braucht.
Wie wirkt sich die aktuelle Weltlage auf unsere Arbeit aus? Müssen wir etwas verändern, um weiterhin wirksame Entwicklungsarbeit machen zu können?
Beat: Wir sollten gegen die aktuellen Trends ankämpfen, etwa indem wir von unserer Arbeit und ihrer grossen Wirkung erzählen. Das stärkt unsere Position gegenüber den Leuten, die immer noch glauben, sowas sei herausgeworfenes Geld. Wir müssen beschreiben, was mit den Menschen passiert, die nun wieder an ihre Zukunft glauben können.
Chiara: Und ansonsten: Weiterarbeiten und sich nicht entmutigen lassen! Die Vergangenheit zeigt, dass es irgendwann auch wieder besser wird.


