Alle zwei Jahre treffen wir unsere lokalen Koordinator:innen in der Schweiz. Dabei sind auch Dekolonialisierung und Lokalisierung regelmässig ein Thema.
Schon seit einigen Jahren fordern Organisationen des Globalen Südens berechtigterweise mehr Mitsprache und Entscheidungsmacht im Planen und Umsetzen von gemeinsamen Projekten. Dies wird auch von Entwicklungsorganisationen im Norden befürwortet. Die Diskussionen dazu werden unter den Stichworten «Lokalisierung» und «Dekolonialisierung» geführt. Zu den Herausforderungen dabei gehört, dass die Geldgeber:innen in der Internationalen Zusammenarbeit meist im Norden sitzen und natürlich Gewissheit haben wollen, dass ihre Gelder vor Ort möglichst effektiv eingesetzt werden – und den Organisationen im Süden dabei oft weniger vertrauen als jenen im Norden.
Fastenaktion arbeitet schon lange mit lokalen Partnerorganisationen im Globalen Süden zusammen. Unsere Landesprogramme werden jeweils von einer lokalen Koordination und einer Person in der Schweiz gemeinsam als Team verantwortet. Die konkreten Projekte werden vom Koordinationsteam und den lokalen Partnern entwickelt und umgesetzt. Gerade das macht sie so wirksam.
Mitsprache und Entscheidungsmacht liegt bei Fastenaktion also schon heute recht stark im Globalen Süden. Dennoch beschäftigen auch wir uns immer wieder damit, wie wir dies noch ausweiten können. Das folgende Gespräch zeigt, wo dabei Chancen und Herausforderungen liegen.
Djibril Thiam
Djibril Thiam (50) leitet die Organisation AgriBio Services in Thiès und koordiniert das Programm von Fastenaktion im Senegal. AgriBio Services unterstützt benachteiligte Gruppen bei der Verwirklichung ihres Rechts auf Nahrung und ihrer Ernährungssicherheit.
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Djibril spricht im Rahmen eines Vortrags über seinen Einsatz im Senegal.
Djibril, die NGOs im Norden diskutieren seit einiger Zeit intensiv darüber, Organisationen aus dem Globalen Süden mehr Mitsprache und Entscheidungsmacht beim Umsetzen von Projekten zu geben. Wie wird diese Debatte im Senegal wahrgenommen?
Es gibt zwei Strömungen: Die einen glauben nicht daran und denken, dass es sich nur um ein Modethema handelt, das bald wieder vergessen sein wird, weil die Organisationen im Norden selbst nicht wirklich daran glauben. Andere halten die Diskussion für durchaus ernstgemeint, fragen sich jedoch, wie dies konkret umgesetzt werden soll.
Warum denkst du ist dies im Norden so ein grosses Thema geworden?
Wir sehen drei Hauptgründe: Um den Zugang zu Geldern zu erweitern. Um das Risiko von Konflikten zwischen Nord und Süd zu reduzieren, da die Menschen im Süden mit Unterstützung lokaler NGOs selbst entscheiden, was sie tun möchten. Aber auch weil lokale Organisationen die Realitäten der Länder und lokalen Gemeinschaften besser kennen. Fastenaktion nutzt dieses Wissen schon lange und ist überzeugt vom Mehrwert dieses Ansatzes.
Fastenaktion diskutiert, diese Mitsprache noch auszuweiten, etwa beim Einsatz von Geldern. Würden im Senegal gewisse Entscheidungen anders ausfallen, wenn das Koordinationsteam allein bestimmen könnte?
Wir haben diesen Lokalisierungsansatz in drei unterschiedlichen Projekten ausprobiert, um eine Basis für vertiefte Diskussionen zu haben. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es in allen drei Fällen zu einer echten Stärkung der lokalen Akteur:innen führte. In einem dieser Projekte erhalten wir als Koordinationsteam zum Beispiel ein Budget zur Unterstützung von indirekten Partnerorganisationen. Dabei treffen wir ohne regelmässige Rücksprache mit Fastenaktion alle Entscheide, welche Organisationen wir berücksichtigen und für welche Aktivitäten die Mittel eingesetzt werden.
Und würden diese Entscheide in Absprache mit Fastenaktion anders ausfallen?
Das lässt sich nur schwer einschätzen, da die meisten dieser indirekten Partner für eine volle Partnerschaft mit Fastenaktion gar nicht in Frage kommen, weil sie keine juristisch anerkannten Strukturen haben. Das waren zum Beispiel Jugendvereine oder engagierte Einzelpersonen.
Es gab auch einen Pilotversuch mit einer Partnerorganisation, die selbst über den Einsatz von Geldern entscheiden konnte. Was kam dabei heraus?
Genau, Agrecol Afrique bezog das gesamte Team ein, um die Bedürfnisse zu ermitteln und zu priorisieren, anschliessend wurden alle Aussagen eingehend analysiert. Dies führte zu einer gezielten Investition: die Mitfinanzierung eines Fahrzeugs. Den verbleibenden Betrag deckte Agrecol Afrique aus Eigenmitteln.
Unser Koordinationsteam war zunächst skeptisch, als es um die Mitfinanzierung dieses Fahrzeuges ging.
Wäre dies anders ausgefallen, wenn das Koordinationsteam beteiligt gewesen wäre?
Ja, wir hätten das nicht gemacht, weil wir befürchten, dass der Unterhalt des Fahrzeugs schwierig ist und andere Organisationen dann ebenfalls Autos beantragen würden, ohne denselben Bedarf dafür zu haben. Das Ergebnis war dennoch interessant für uns – wir haben daraus gelernt, dass es Umstände geben kann, die Ausnahmen von den Regeln rechtfertigen. Für die Organisation war das Auto wirklich sehr hilfreich, denn sie kann es gleich für zwei Projekte nutzen: Unter der Woche für die Animationen in den Dörfern und am Wochenende für den Transport des Gemüses an den Biomarkt.
Was sind aus deiner Sicht die Vorteile einer Lokalisierung?
Lokale Gegebenheiten, etwa bezüglich der Logistik und die Effizienz von Massnahmen, werden besser berücksichtigt. Dies kann grossen Einfluss auf die Wirkung eines Projekts haben. Ausserdem führt die erhöhte Verantwortung zu mehr Unabhängigkeit und eigenen Ideen der Partnerorganisation.
Und was sind mögliche Nachteile?
Der hohe Zeitaufwand für die Kommunikation, damit der Lokalisierungsansatz von allen Beteiligten richtig verstanden wird. Zudem erfordert es eine enge Begleitung der Partnerorganisationen, die wir vom Koordinationsteam sicherstellen müssen. Wichtig ist ausserdem, dass die NGO aus dem Norden und die Organisation aus dem Süden gemeinsame Ansätze haben, um inhaltliche Konflikte zu vermeiden. Zum Beispiel unterstützt Fastenaktion die Agrarökologie – da wäre es seltsam, wenn die lokale Partnerorganisation das Geld zur Förderung der konventionellen chemischen Landwirtschaft einsetzen würde.
AgriBio Services hat bereits heute einen gewissen Entscheidungsspielraum. Gibt es dennoch hinderliche Einschränkungen seitens Fastenaktion?
Nicht wirklich. Die Programmverantwortliche für den Senegal in der Schweiz engagiert sich sehr für diese Form der Zusammenarbeit und ist offen für neue Ideen. Schon jetzt profitieren im Senegal rund ein Drittel unserer Zielgruppe von bereits bestehenden Lokalisierungsansätzen. Um dies weiter voranzutreiben, bräuchte es allerdings mehr frei einsetzbare finanzielle Ressourcen seitens Fastenaktion. Dadurch würde sie bei der Lokalisierung noch mehr zu einem Vorreiter.
Dann hat sich die Machtverteilung zwischen Nord und Süd bei Fastenaktion bereits spürbar verändert in den letzten Jahren?
Oh ja, es hat sich deutlich zum Positiven verändert – dies zeigt sich auch daran, dass wir den Lokalisierungsansatz auf mehreren Ebenen weiter erproben konnten. Im Vergleich zu anderen NGOs hat Fastenaktion aus unserer Sicht einen deutlichen Vorsprung in diesem Bereich.
Katrin Rosenberg
Katrin Rosenberg (44) ist bei Fastenaktion verantwortlich für das Landesprogramm Nepal und betreut gleichzeitig die Themen Lokalisierung und Dekolonialisierung in der Organisation. Zuvor war die Entwicklungsexpertin viele Jahre bei Helvetas tätig.
Katrin ist bei uns für das Thema Lokalisierung verantwortlich und kritisiert die Dominanz des globalen Nordens in der Entwicklungszusammenarbeit.
Katrin, was geht dir durch den Kopf, wenn du Djibrils Einschätzungen hörst? Und wo steht Fastenaktion aus deiner Sicht bei diesem Thema?
Es freut mich natürlich, dass Djibril uns bei der Lokalisierung fast schon eine Pionierrolle zuschreibt. Ich denke tatsächlich, dass Fastenaktion in diesem Bereich vergleichsweise progressiv ist. Es gehört fast schon zu unserer DNA, so zu arbeiten. Dies läuft in den verschiedenen Ländern unterschiedlich ab, je nach kulturellem Kontext und den Personen ab, die in den Programmen arbeiten.
Du treibst dieses Thema bei Fastenaktion voran – warum ist es wichtig, sich damit zu befassen?
Fastenaktion definiert sich geradezu über lokal verankerte Ansätze und gibt dafür auch die nötigen Freiräume. Dies ist bei unseren verhältnismässig kleineren Projektbudgets vielleicht auch leichter möglich als bei den Millionenbudgets grosser NGOs. Dass Fastenaktion bei dem Thema schon einiges erreicht hat, liegt auch am enormen Vertrauensverhältnis zwischen uns, den Koordinationen und den lokalen Partnerorganisationen. Ansonsten wären Pilotprojekte wie Djibril sie beschreibt kaum möglich.
Das andere Stichwort neben Lokalisierung ist «Dekolonialisierung». Wie ist das zu verstehen?
Die Entwicklungszusammenarbeit ist noch immer zu stark vom Norden dominiert – und hat durchaus auch gewisse neokolonialistische Züge. Zwar hatte die Schweiz keine Kolonien, war wirtschaftlich jedoch durchaus in die Machtdynamiken des Kolonialismus verstrickt, wie kürzlich auch eine Ausstellung des Landesmuseums in Zürich eindrücklich aufarbeitete. Solche Machtstrukturen gibt es weiterhin, und es ist dringend nötig, sie aufzuweichen und neue Formen der Zusammenarbeit zu finden.
Du bist auch für unser Landesprogramm in Nepal verantwortlich. Wie läuft die Diskussion zu diesem Thema dort ab?
Auf den ersten Blick ist dies dort weniger präsent. Nepal ist auf drei Dinge stolz: den Mount Everest, den Geburtsort Buddhas – und dass es nie offiziell kolonialisiert wurde. Von Dekolonialisierung und Lokalisierung zu sprechen, würde also das offizielle Selbstbild erschüttern, obwohl natürlich auch Nepal von westlichen Einflüssen beeinflusst worden ist. Auch lag der Fokus von Fastenaktion in Nepal bisher auf anderen Themen. Vergleichbare Pilotprojekte, wie Djibril sie beschrieben hat, gab es noch nicht. Aber grundsätzlich arbeiten wir natürlich ebenfalls mit lokalen Ansätzen.
Zum Beispiel?
Wir unterstützen etwa eine Organisation, die sich für die Entwicklung in ihrem Dorf einsetzt. Kürzlich hat sich die Ausgangslage geändert: Das Dorf wird durch den Bau einer Eisenerz-Mine bedroht. Damit verschiebt sich nun der Fokus der Partnerorganisation – und wir haben auch das gemeinsame Projekt an ihre neuen Bedürfnisse angepasst.
In Nepal konzentrieren wir uns mit unseren Projekten auf die Ernährungssicherheit der Dalit, die aufgrund des Kastensystems stark diskriminiert werden.
Trotz allem liegt die Macht nach wie vor weitgehend in den Händen der Geldgeber, also der Länder des Nordens. Warum ist es so schwierig, dies zu ändern?
Mit Geld kommt fast automatisch Macht. Und Macht abzugeben, ist nie leicht, das gleiche gilt für grössere Veränderungen generell. Deborah Doane spricht in ihrem Buch «The INGO Problem» auch von psychologischen Aspekten und Widersprüchen. Sie verweist darauf, dass NGOs im Norden sich zwar als «Gutmenschen» sehen, die sich bemühen, immer nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, dabei aber auch oft Macht- und Kolonialstrukturen zementiert haben – darunter auch ein Bild des Südens als «bedürftig». Eine weitere Herausforderung sind die stets wachsenden Anforderungen der Geldgeber:innen zu Risikomanagement und Rechenschaftspflicht: Sie wollen sicher sein, dass ihr Geld nicht irgendwo nutzlos versickert. Oft jedoch sind diese Anforderungen von Stereotypen über Korruption geleitet.
Wie stellt Fastenaktion sicher, dass kein Geld nutzlos versickert?
Die wirkungsvolle Verwendung der Mittel ist und bleibt unser oberstes Ziel. Doch statt den «Kontrollapparat» teuer zu erweitern, erreichen wir dies viel effektiver durch die Investition in lokal geführte Entwicklungsprozesse und vertrauensvolle, langfristige Partnerschaften. Denn die Erfahrung zeigt: Was die Leute selbst auf die Beine stellen, ist ihnen wichtig.
Wie weiter?
Was braucht es nun, um diesen Weg noch konsequenter gehen zu können?
Katrin: Ein Engagement auf allen Ebenen. Nicht zuletzt ein Hinterfragen von Stereotypen, von Macht und Anforderungen im Norden. Derweil muss man sich im Süden im Klaren sein, dass mit mehr Macht auch entsprechende Verantwortung verbunden ist.
Djibril: Spenderinnen und Spender vertrauen eher einer NGO aus dem Norden als aus dem Süden, dass sie das Geld wirkungsvoll einsetzt. Die grosse Frage ist also: Wie können wir diese Sichtweise ändern? Wie können wir das Vertrauensverhältnis zwischen Spendenden aus dem Norden und NGOs aus dem Süden stärken?
Katrin: Das ist tatsächlich eine entscheidende Frage. Gleichzeitig sollten wir wohl auch unser Bild von «richtig» und «falsch» bei diesem Thema überdenken. Vielleicht müssen wir im Norden Abschied nehmen vom Anspruch, dass wir besser wissen, was Entwicklung bedeutet und wie man dahin gelangt.
Djibril: Es wäre auch wichtig, die bereits gemachten Erfahrungen besser zu dokumentieren. Ausserdem wäre es hilfreich, wenn Fastenaktion den Anteil des Budgets erhöht , der für den Lokalisierungsansatz in den verschiedenen Ländern vorgesehen ist und sämtliche Teams und Koordinationen entsprechend zu schulen. So kann sich dieser Ansatz auch in anderen Landesprogrammen weiterverbreiten – alle könnten Erfahrungen sammeln und austauschen.
Katrin: Weitere Pilotprojekte sind tatsächlich geplant. Die Ergebnisse werden dann zusammen mit den Koordinationen ausgewertet und diskutiert. Daraus sollen neue Ideen entstehen und Strukturen nachhaltig verändert werden. Die Zukunft muss gemeinsam entwickelt werden!