
Jean Pierre (links) betreibt mit seiner Familie erfolgreich agrarökolgische Landwirtschaft.
Die Anrufe starteten im Spätsommer 2024. «Der erste Anrufer nannte sich Jorge, bestand aber darauf, dass ich ihn ‘comandante’ nenne und sagte, er sei von der Carlos-Patiño-Front, einer lokalen Guerillagruppe», erzählt Jean Pierre Ospina Ante. «Er sagte, er wisse von meinen Geschäften, und ich müsse ihnen eine ‘Steuer’ von fünf Millionen Pesos zahlen.» Das entspricht rund 1000 Schweizer Franken.
Der 21-jährige Bauer und Jungunternehmer betreibt im Südwesten Kolumbiens nach agrarökologischen Prinzipien erfolgreich Landwirtschaft. Er versuchte dem Schutzgeld-Erpresser klarzumachen, dass er das verlangte Geld nicht habe, da er mit seinem Familienunternehmen noch ganz am Anfang stehe. «Doch das half nichts. Stattdessen kamen bald darauf weitere Anrufe sowie SMS-Nachrichten, in denen zusätzlich meine Mutter bedroht wurde, die im Vorstand eines lokalen Vereins zur Förderung der Gemeinschaft sitzt. Schliesslich gaben sie mir 72 Stunden Zeit zu zahlen oder die Region zu verlassen – andernfalls würden sie mich holen.»
Jean Pierre fürchtete angesichts dieser Erpressung um sein Leben und flüchtete in die Provinzhauptstadt Popayán, wo er bei einer Tante unterkam. «Zuvor jedoch erstattete ich Anzeige bei der Polizei und wendete mich zusätzlich direkt an die Staatsanwaltschaft.»
Anzeige bei der Polizei brachte nichts
Doch gebracht hat das bisher nichts. «Zwar nahm man meinen Fall auf, sagte mir jedoch, sowas passiere ständig, und ich könne ruhig wieder nach Hause gehen. Aber dieses Risiko wollte ich nicht eingehen, denn es gab auch schon Morde in solchen Situationen.» Auch finanzielle Unterstützung seitens des Staats bekam er kaum. «Ich erhielt humanitäre Hilfe von 250’000 Pesos (etwa 50 Franken), das reichte gerade mal für ein paar Lebensmittel.»
Fastenaktion hat in ihrem Jahresbericht 2023 über Jean Pierre und seine erfolgreiche Arbeit berichtet. Unterstützt von unserer Partnerorganisation Atucsara, an deren lokaler Jugendgruppe er sich bereits als Teenager beteiligte, absolvierte er einen Diplomkurs in Agrarökologie. Anschliessend baute er mit seinem Cousin eine erfolgreiche ökologische Zuckerrohrproduktion auf und wurde Teil eines regionalen Netzwerks von Saatgutwächter:innen.

Jean Pierre unterwegs in der Provinzhauptstadt Popayán.
Unterstützung von Atucsara
All dies tat Jean Pierre auch, um andere Junge in der Region zu motivieren, dem Leben auf dem Land eine Chance zu geben, «statt mit grossen Träumen in die Stadt zu gehen, die am Ende oft enttäuscht werden». Doch nun sitzt er selbst in der Stadt, weit weg von seinem geliebten Hof.
«Das ist hart für mich. Das Leben in der Stadt ist viel stressiger. Ich vermisse es, mit dem Zwitschern der Vögel aufzuwachen, das frische Essen, die Arbeit auf den Feldern, meine Familie, vor allem meine Mutter. Ich fürchte, dass sie sich sehr einsam fühlt, denn wir waren bisher nie länger als eine Woche getrennt.»
Immerhin wird Jean Pierre auch in der aktuellen Situation von Atucsara unterstützt. Er arbeitet für sie als Logistiker für Veranstaltungen und für die Verteilung von Saatgut. Ergänzend führt er das Geschäft seines Grossvaters weiter und verkauft Lebensmittel. «So kann ich meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten.»
Doch was heisst all das für die Arbeit von Fastenaktion in der Region? «Die Lage ist tatsächlich schwierig», sagt Alicia Medina, die langjährige Länderverantwortliche Kolumbiens bei Fastenaktion. «Zwar wird Atucsara selbst nicht bedroht und kann ihre Arbeit mit den kleinbäuerlichen Familien ungehindert weiterführen, aber Jean Pierres Geschichte ist leider kein Einzelfall.»
Der Gnade von Banden ausgeliefert
Viele Menschen würden von bewaffneten Gruppen auf diese Weise bedroht, sagt Alicia Medina. «Und nur wenige getrauen sich, die Erpressung anzuzeigen. Die Realität ist leider, dass man entweder zahlt oder geht, weil man um sein Leben fürchten muss.»
Der Hintergrund für dieses Problem ist ein notorisch schwacher Staat. «Polizei und Armee fehlt es an Ressourcen. Und die bewaffneten Banden sind sehr aggressiv, teilweise haben selbst die öffentlichen Streitkräfte Angst vor ihnen – oder stecken mit ihnen unter einer Decke. So ist die Bevölkerung ein Stück weit der Gnade dieser bewaffneten Banden ausgeliefert.»

Ein Bild aus besseren Tagen: Jean Pierre mit seiner Mutter auf ihrem Land.
Projekte von Fastenaktion nicht gefährdet
Umso wichtiger ist die Unterstützung von Atucsara für die kleinbäuerlichen Familien der Region. Zwar kann auch sie die Menschen nicht vor den Banden beschützen, aber sie hat inzwischen viel Erfahrung im Umgang mit solchen Situationen. «All das gefährdet die Durchführung unserer Projekte nicht», sagt Maria Eugenia Garcia von Atucsara. «Entscheidend sind die richtigen Vorsichtsmassnahmen. Wer dank erfolgreicher Produktion ein gutes Einkommen erzielt, sollte dies möglichst nicht zeigen, damit die Banden davon nichts mitbekommen.»
Jean Pierre und seine Familie seien jedoch besonders erfolgreich gewesen. «Sie vertreiben ihre Produkte sogar unter einer eigenen Marke, El Abuelo», erklärt Garcia. «Zudem engagieren sie sich für die Verteidigung der bäuerlichen Kultur, für den Aufbau von Frieden und Wohlstand. Mit all dem sind sie auch den Guerilla aufgefallen.»
Trotz der schwierigen Situation ist Jean Pierre entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. «Unsere Arbeit auf dem Hof und im Unternehmen geht weiter.» Er schleicht sich auch immer wieder zurück auf sein Land, schaut nach dem Rechten, hilft ein bisschen mit. «Aber unter grossen Vorsichtsmassnahmen, damit niemand etwas mitbekommt.»
Hoffnung auf eine Rückkehr
Jean Pierre hofft, dass mit der Zeit Gras über die Sache wächst, und er schliesslich wieder ganz zurückkehren kann. Froh ist er auch um die Solidarität, die er von Atucsara und Fastenaktion erfährt.
Und was, wenn er täte, was so viele andere machen: Das Schutzgeld halt einfach bezahlen? Jean Pierre schüttelt entschieden den Kopf. «Selbst wenn ich diese Mittel hätte, würde ich nicht zahlen. Ich muss niemanden um Erlaubnis bitten, um auf meinem Land zu arbeiten – schon gar nicht eine Gruppe, die behauptet, sie sei zum Schutz da, aber das Gegenteil tut und die Menschen bedroht. Der Hof ist Familienbesitz. Wir wollen nichts anderes, als friedlich unsere Arbeit zu machen und damit das Land zu würdigen.»