Wer sein Gemüse auf dem Wochenmarkt bezieht, hat oft die Wahl zwischen zahlreichen Sorten. Aber bunte Tomaten und Rüebli bieten nicht nur geschmacklichen und ästhetischen Reichtum. Viel wichtiger ist, dass sie an unterschiedliche Böden und klimatische Bedingungen angepasst sind. Die richtige Sorte am richtigen Ort braucht weniger Pestizide und Dünger und ist weniger anfällig auf klimatische Extremereignisse und Krankheiten. Angesichts der Klimaerwärmung ist genetische Vielfalt die beste Versicherung für die Zukunft.
Zu verdanken ist diese Vielfalt Bäuerinnen und Bauern, die ihr Saatgut über Jahrtausende weiterentwickelt haben. In vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas basiert die Landwirtschaft nach wie vor auf lokalem Saatgut, das kleinbäuerliche Familien aus ihrer Ernte gewonnen, mit den Nachbar:innen getauscht oder auf dem lokalen Markt erworben haben. Diese traditionelle Praxis produziert nicht nur Vielfalt, sie verbessert auch die Ernährungssicherheit.
Ökumenische Kampagne 2026
Das Motto «Wer Saatgut hat, kann Zukunft säen» ist ein Aufruf, die Bedeutung von Saatgut als Lebensgrundlage anzuerkennen und die Arbeit von Fastenaktion, HEKS und Partner sein für eine Zukunft ohne Hunger zu unterstützen. Die Ökumenische Kampagne dauert dieses Jahr vom 18. Februar (Aschermittwoch) bis 5. April (Ostersonntag).
Wie üblich finden auch diesmal zahlreiche Veranstaltungen statt, unter anderem mit Stimmen aus dem Süden. So ist zum Beispiel Yolima Salazar Higuera von unserer kolumbianischen Partnerorganisation Vicaría del Sur vom 28. Februar bis 15. März in der Schweiz zu Gast und berichtet von den Lebensrealitäten, Herausforderungen und Erfolgen in Kolumbien.
Weitere Informationen zu den Inhalten und Veranstaltungen der Kampagne finden Sie hier.
Die Feldarbeit mit eigenem Saatgut wie hier in Kenia ist im Globalen Süden weiterhin stark verbreitet.
Die Macht der Grosskonzerne
Doch diese Vielfalt ist nur noch ein müder Rest von dem, was einmal war. Laut der Welternährungsorganisation FAO sind in den letzten hundert Jahren über 75 Prozent der pflanzengenetischen Vielfalt verloren gegangen – dies macht die Landwirtschaft anfällig für Schädlinge und Wetterextreme. Weltweit liefern heute allein Reis, Mais und Weizen die Hälfte aller pflanzenbasierten Kalorien. Andere Pflanzenarten werden komplett vernachlässigt.
Dazu kam es, nachdem sich in den 1980er-Jahren staatliche Institute aus der Agrarforschung zurückgezogen und der Privatwirtschaft das Feld überlassen hatten. Dem freien Markt ausgesetzt, wurden nach und nach Tausende kleiner Saatgutfirmen von wenigen grossen aufgekauft. Heute kontrollieren gerade mal drei internationale Firmen die Hälfte des globalen kommerziellen Saatgutmarkts, darunter Syngenta mit Sitz in Basel.
Diese grossen Saatgutfirmen sind gleichzeitig auch Pestizidhersteller und verkaufen beides im Paket. Zudem üben sie mit ihrer Marktmacht erheblichen politischen Einfluss aus: Gemeinsam mit den Regierungen der Industrieländer ist es ihnen gelungen, gesetzliche Regeln durchzusetzen, die ihren kommerziellen Interessen am besten dienen.
In der Vielfalt liegt die Zukunft
Über Freihandelsabkommen oder direkte politische Einflussnahme werden auch Regierungen im Globalen Süden dazu gebracht, strenge nationale Sortenschutzgesetze zu erlassen – zum Nachteil der kleinbäuerlichen Familien und ihres traditionellen Umgangs mit Saatgut, der zum Teil sogar kriminalisiert wird.
Dabei ist die Vielfalt von Saatgut dort nach wie vor das Rückgrat der Ernährungssicherheit. In einigen Ländern Afrikas beziehen die Bäuerinnen und Bauern bis zu 90 Prozent ihrer Samen aus diesen traditionellen Saatgutsystemen. In den Philippinen sind es noch 71 Prozent. Fastenaktion und ihre Partnerorganisationen unterstützen die kleinbäuerlichen Familien dabei, ihr Saatgut zu schützen und ihre ökologisch nachhaltige Landwirtschaft zu stärken – eine wichtige Versicherung für die Zukunft.
Hunger und Egoismus überwunden
Jael Okalio leitet eine Solidaritätsgruppe im Westen Kenias. Das Leben der 57-jährigen Kleinbäuerin hat sich seither fundamental verändert: Ihre Familie isst gesünder, hat mehr Geld zur Verfügung, streitet kaum noch – und ist Teil einer grossen Gemeinschaft, die zusammenhält. Lesen Sie hier die ganze Geschichte.