Saatgut ist mehr als ein Produktionsmittel: Es bestimmt Ernährungssicherheit, Biodiversität und die wirtschaftliche Zukunft von Millionen Bäuerinnen und Bauern weltweit. Doch wie regeln wir seine Nutzung? Zwischen dem Schutz geistigen Eigentums und dem Recht auf Tausch und Weiterentwicklung lokal angepasster Sorten tobt eine kontroverse Debatte. In unserem Pro & Contra beleuchtet wir die Konfliktlinien und zeigen auf, warum einfache Antworten der Komplexität des Themas häufig nicht gerecht werden.
Pro

Claudia Fuhrer, Expertin für Saatgut und Ernährungsgerechtigkeit bei Fastenaktion
Fastenaktion betrachtet die Entwicklung der Saatgutbranche aus der Perspektive der Kleinbauern und -bäuerinnen im Globalen Süden. Diese pflegen seit Generationen ihr eigenes Saatgut, tauschen es untereinander und entwickeln es weiter, damit es sich fortwährend an die veränderten klimatischen Bedingungen und Böden anpassen kann. Ihr Saatgut bildet die Basis ihrer landwirtschaftlichen Produktion und einer vielfältigen Ernährung. Auf dem afrikanischen Kontinent beispielsweise verwenden bis zu 90 Prozent der Bauern und Bäuerinnen lokales Saatgut, sind also gleichzeitig auch Züchter:innen.
Die Konzentration im weltweiten Saatgutgeschäft auf einige wenige Konzerne hat jedoch unmittelbare negative Auswirkungen auf sie. Denn diese Unternehmen beeinflussen zunehmend auch die gesetzlichen Regulierungen in den Ländern des Globalen Südens. Ein Problem ist vor allem die Durchsetzung patentähnlicher geistiger Eigentumsrechte, der sogenannte strikte Sortenschutz nach Vorgaben des Internationalen Verbands zum Schutz von Pflanzenzüchtungen in Genf (UPOV). Dieser schränkt die Verwendung, den Tausch und die Weiterentwicklung des eigenen Saatguts stark ein, schützt also nicht die Vielfalt der Sorten, sondern vor allem das Kapital der Konzerne.
In vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas werden die Bauern und Bäuerinnen so dazu gedrängt, jedes Jahr teures und oft den lokalen Bedingungen nicht angepasstes Saatgut zu kaufen, inklusive Spezialdünger und Pestiziden. Häufig müssen sie sich deswegen verschulden, die Anpassungsfähigkeit an klimatische Veränderungen leidet und die lokale Sortenvielfalt nimmt ab. In Indien etwa gingen seit den 1960er-Jahren fast 90 Prozent der alten Reissorten verloren.
Fastenaktion stellt den Sortenschutz jedoch nicht grundsätzlich infrage. Es ist wichtig, dass es in Europa und der Schweiz weiterhin eine Vielzahl von kleinen Züchterfirmen gibt und diese ihre Züchtungen schützen können, damit sich ihre Investitionen lohnen.
Aber es ist problematisch, dass diese hierzulande sinnvollen Regulierungen auch auf Länder des Globalen Südens angewendet werden. Denn die Kleinbauern und -bäuerinnen sind dort gleichzeitig auch Züchter:innen und bilden das Rückgrat der Nahrungsmittelproduktion. Sie sehen sich als Hüter:innen des Saatguts und stellen sicher, dass es an die lokalen Gegebenheiten und die Folgen der Klimaerwärmung angepasst ist. Dass es heute Länder gibt, in denen sie dafür sogar kriminalisiert werden können, ist besonders verheerend.
Contra

Christian Ochsenbein, Geschäftsführer von Delley Samen und Pflanzen AG (DSP) in Delley FR und Präsident von Swiss-Seed
Die Entwicklung der Saatgutbranche geht in der Tat nicht in die gewünschte Richtung. Doch so dramatisch wie von Fastenaktion dargestellt, ist der Rückgang der genetischen Vielfalt nicht. Allein in Deutschland gibt es 59 Unternehmen mit eigenen Zuchtprogrammen für Weizen. Ähnlich sieht es in Frankreich und den Niederlanden aus. Gerade in Europa besteht nach wie vor eine relativ diverse Züchterlandschaft, häufig handelt es sich dabei um KMU, wie auch DSP eines ist.
Warum Europa? Ermöglicht hat dies das System des Sortenschutzes, das Sie kritisieren. Gerade kleinere Züchterinnen und Züchter sind angewiesen auf den Sortenschutz, um ihre Investitionen zu refinanzieren. Grosse Unternehmen können dies auch anderweitig sicherstellen, etwa über Hybridzucht, Patente und globale Geschäfte. Kleinere Firmen können das nicht; auch DSP lebt von den Lizenzeinnahmen.
Der bestehende Sortenschutz gemäss UPOV ist auch aus Sicht von Swiss-Seed, der Schweizer Vereinigung für Samenhandel und Sortenschutz, das System, das die Interessen der Wirtschaft, der Landwirtschaft und der Gesellschaft am besten vereint. Dabei mag es einzelne Punkte geben, die speziell für die Länder des Südens angepasst werden sollten. Das System des Sortenschutzes infrage zu stellen, könnte sich jedoch gerade dort als Eigentor erweisen. Sei es, weil die Züchter ihre Eigentumsrechte mit anderen Methoden wie Patenten sichern müssten oder weil das Interesse an diesen Ländern schlicht verloren gehen könnte. Welches Unternehmen würde dann noch für diese Regionen züchten?
Wie Sie richtig sagen, sind regional angepasste Sorten wichtig. Doch gerade alte Landsorten sind oft deutlich anfälliger gegenüber Pilzkrankheiten. Für eine nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft braucht es also regional angepasste Zuchtprogramme. Und entsprechende Unternehmen, die daran arbeiten. Umso mehr, als der Sortenschutz in der Regel nur 25 Jahre dauert. Danach darf das Saatgut frei vermehrt, verkauft und ausgesät werden. Wenn es also zu einer Verarmung kommt, liegt dies auch am Mehrwert der neuen Sorten für die Landwirte.
Studien zeigen ausserdem, dass auch der Einsatz genetisch modifizierter industrieller Sorten zu einer Reduktion des Pestizideinsatzes führen könnte. Es gibt leider für diese komplexen Probleme keine einfachen Lösungen. Und das Ganze einseitig an Grosskonzernen und am Sortenschutzsystem aufzuhängen, halte ich für zu vereinfacht und nicht zielführend.
«Die Erträge sind gestiegen»
Jael Okalio leitet eine Solidaritätsgruppe im Westen Kenias. Das Leben der 57-jährigen Kleinbäuerin hat sich seither fundamental verändert: Ihre Familie isst gesünder, hat mehr Geld zur Verfügung, streitet kaum noch – und ist Teil einer grossen Gemeinschaft, die zusammenhält. Lesen Sie hier die ganze Geschichte.