Eliel Rondon Terena (54) hat Erfahrung mit Unternehmen und CO2-Projekten. Er gehört zum Volk der Terena und repräsentiert als Präsident der Föderation Fepoimt 43 indigene Gemeinschaften im Bundesstaat Mato Grosso im Westen Brasiliens. Der Druck auf indigene Bevölkerungsgruppen dort ist enorm – durch die Ausweitung der Agrarindustrie und oft illegale Aktivitäten wie Bergbau oder Abholzung.
CO2-Projekte internationaler Unternehmen klingen deshalb insbesondere finanziell sehr verlockend. «Sie sprechen von Millionen Real, und es scheint sehr einfach, diese Mittel zu erhalten», sagt Eliel Rondon Terena. «Sie betonen die Potenziale, ohne die möglichen Folgen für die Bevölkerung zu erwähnen.»
CO2-Projekte internationaler Unternehmen tönen verlockend, bergen jedoch komplexe Herausforderungen.
Risiko für Ernährungssicherheit
Und die sind erheblich. So nimmt der Druck auf das Land der Indigenen durch die Projekte weiter zu, denn diese beinhalten oft ein Verbot von Abholzung. Dadurch verlieren die Gemeinschaften, die meist gezielt kleine Flächen nutzen, die Kontrolle über ihr Land und damit die Autonomie in ihrem Gebiet. Dies kann sogar ihre Ernährungssicherheit gefährden. Wenn sie beispielsweise keine Bäume fällen dürfen, um Felder anzulegen und Nahrungsmittel wie Maniok anzubauen.
Damit die indigenen Gemeinschaften bei CO2-Projektangeboten informierte Entscheide treffen können, müssen sie sich aller Folgen und Konsequenzen bewusst sein. Hier kommt OPAN (Operação Amazônia Nativa) ins Spiel, eine Partnerorganisation von Fastenaktion. Sie unterstützt Fepoimt bei der Durchführung von sogenannten «Klimaflüster»-Workshops.
Wie funktionieren CO2-Projekte?
Zum Schutz des Klimas haben viele Länder sogenannte Emissionshandelssysteme eingeführt. Dabei gilt für die betroffenen Industrien und Staaten ein Pflichtmarkt: Verschmutzen sie die Umwelt, müssen sie bezahlen, indem sie sogenannte CO2-Zertifikate kaufen. Pro Tonne ausgestossenes CO2 muss eine Firma ein Zertifikat erwerben. Ergänzend gibt es einen freiwilligen Markt für Unternehmen und Privatpersonen: Sie können zum Beispiel CO2-Projekte im Ausland finanzieren, um ihre eigenen CO2-Emissionen auszugleichen oder auch nur, um einen Beitrag an den Klimaschutz zu leisten. Dafür erhalten sie CO2-Zertifikate aus den Projekten gutgeschrieben.
Sich eigenständig entscheiden können
Insgesamt arbeitet OPAN in Mato Grosso mit elf indigenen Gruppen zusammen, um durch Wissensbildung und Rechtsberatung gegen Scheinlösungen beim Klimaschutz vorzugehen. Die Gemeinschaften sollen sich eigenständig für oder gegen ein Projekt entscheiden können. «Unser Ziel ist es, die Menschen zu begleiten und für sie da zu sein, wenn sie Informationen brauchen», erklärt Andreia Fanzeres, Koordinatorin des Programms für Indigenenrechte bei OPAN. «Wir vermitteln auch Kontakte zu Anwält:innen oder Expert:innen zum Kohlenstoffmarkt.»
Eliel Rondon Terena berichtet von einem konkreten Fall: Ein CO2-Projekt des brasilianischen Unternehmens Green Forest Carbon aus Manaus, das auf den Schutz des Waldes vor Abholzung spezialisiert ist. Üblicherweise wird bei solchen Projekten berechnet, wie viel CO2 eingespart würde, wenn der Wald nicht abgeholzt wird. Für diese Einsparung werden CO2-Zertifikate ausgestellt, die wiederum auf dem freiwilligen Emissionsmarkt verkauft werden können. Die Indigenen Gemeinschaften werden dafür entschädigt.
Das klingt im ersten Moment nach leicht verdientem Geld. Doch die indigenen Gemeinschaften in der betroffenen Region haben das Projekt nach langwierigen Diskussionen schliesslich abgelehnt. «Sie haben die Bedingungen der Firma nicht akzeptiert», erklärt Eliel Rondon Terena.
Andreia Fanzeres, Koordinatorin des Programms für Indigenenrechte bei OPAN.
Nutzen fraglich
Nebst den Folgen für die Ernährungssicherheit können die Projekte laut Andreia Fanzeres auch zu grossen kulturellen und sozialen Konflikten innerhalb der Gemeinschaften führen. «Die Unternehmen ignorieren den sozialen Kontext, etwa wenn sie sich nicht an das gewählte, spirituelle Oberhaupt der Gemeinschaft wenden, sondern irgendein Mitglied als Kontaktperson auswählen. Oder wenn einzelne Personen einen Fernseher oder ein Fahrzeug erhalten, damit sie dem Projekt zustimmen.»
Doch es gibt noch ein grundsätzlicheres Problem: «Oftmals ist es fraglich, wie sehr mit solchen Projekten das Klima tatsächlich geschützt wird», sagt David Knecht, Klimaexperte bei Fastenaktion. «Denn eine zusätzliche positive Wirkung hat der Schutz des Waldgebiets nur, wenn tatsächlich ein Risiko besteht, dass es bald mal abgeholzt worden wäre und das Projekt dies ganz direkt verhindert. Und selbst dann sind die Effekte nur schwer messbar.»
Auch die Schweiz mischt mit
Leider nutzt auch die Schweiz CO2-Projekte im Ausland und rechnet diese reduzierten Emissionen ans nationale Reduktionsziel an. Dies ist problematisch, weil die Schweiz auf diese Weise die inländische Reduktion der Treibhausgase verzögert – sei es beim Verkehr, im Gebäudebereich oder beim Finanzplatz. Fastenaktion fordert deshalb, dass die Schweiz ihr nationales Emissionsziel zukünftig mit inländischen Reduktionen erfüllt. CO2-Projekte im Ausland sollten nur finanziert werden, wenn sie über das Schweizer Emissionsreduktionsziel (Netto Null bis spätestens 2050) hinausgehen und die globale Gemeinschaft unterstützen, die Pariser Klimaziele zu erreichen.
Erfahren Sie hier mehr über unseren Einsatz für gerechten Klimaschutz.