Als Koordinatorin von CODEMAV, einer Partnerorganisation von Fastenaktion, unterstützt Carmelina insbesondere Kleinbäuerinnen, die Ernährung ihrer Familien zu sichern.
Zu Carmelina Chocoojs frühsten Erinnerungen gehört eine Flucht: «Ich war ungefähr neun Jahre alt und rannte, gemeinsam mit meinen Eltern und anderen Familien. Einige warfen sich ins Gebüsch, andere flüchteten einen Hügel hoch…» Wer genau sie damals verfolgte, weiss die heute 55-jährige Koordinatorin unserer Partnerorganisation CODEMAV aus der Region Alta Verapaz nicht mehr. Aber die Flucht gelang – und schon damals ging es um Land.
«1979 begann der Staat den Boden, auf dem wir Maya-Q’eqchi’ seit Generationen lebten, an Auswärtige zu verschenken. Diese wurden damit zu Besitzer:innen von Land, das ihnen nicht gehörte», erklärt Carmelina. «Und als unsere Familien sich dagegen zu wehren begannen, reagierte der Staat mit Gewalt. Denn die Auswärtigen hatten die legalen Dokumente, nicht wir, die wir dieses Land seit je bewohnten und bearbeiteten. Wir Maya leben schon immer vom Anbau der Erde. Deshalb leisten wir Widerstand.»
Es ist ein Kampf, in dem schon viel Blut geflossen ist, in dem auch immer wieder Menschen sterben und der bis heute viel Leid verursacht. «Die Anliegen der Maya-Völker werden nicht berücksichtigt», sagt Carmelina, «stattdessen herrschen Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus und gezielte Täuschung.» So werden immer wieder Indigene dazu gebracht, Papiere zu unterschreiben, die sie nicht verstehen. «Und manchmal erfinden die Behörden einfach Verbrechen, um uns anzuklagen.»
Ausgrenzung, Rassismus, Manipulation
Als Kind hatte Carmelina Glück: Sie war die Einzige von neun Kindern, die zur Schule gehen und lesen und schreiben lernen durfte. Ihr Vater nahm sie schon früh mit an Gemeindeversammlungen, in denen es oft um Vertreibungen und Landkonflikte ging. So wuchs sie von klein auf in diesen Kampf hinein.
Entsprechend oft war sie schon mit Haftbefehlen und Gerichtsverfahren konfrontiert – auch aktuell wieder, wegen einer angeblichen Grenzverletzung, die laut Carmelina frei erfunden ist. Erfunden von einem zutiefst korrupten Staat, in dem Grossgrundbesitzer, Justiz und Staatsanwaltschaft unter einer Decke stecken. «Das Ziel war immer, uns zum Schweigen zu bringen, uns zu entmutigen, damit wir das Land und unseren Kampf dafür aufgeben.»
Doch Carmelina gibt nicht auf. Vor etwas über 20 Jahren wurde sie sogar einmal mit ihren Kindern verhaftet, die damals erst 5 und 6 Jahre alt waren. «Rund 48 Stunden verbrachten wir gemeinsam in einer Zelle – zum Glück setzten sich der Menschenrechtsbeauftragte und andere Freund:innen stark für uns ein, deshalb dauerte es nicht noch länger.»
Ehrenamtlich berät Carmelina Frauen und Mädchen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind.
Immer wieder in Gefahr
Spurlos geht all das auch an ihr nicht vorüber. «Natürlich schmerzt mich dieser endlose Konflikt. Und manchmal ziehe ich mich an einen Ort zurück, wo mich niemand sieht und hört, und weine. Natürlich habe ich immer wieder Angst, mich zu exponieren – ich habe dabei auch schon mein Leben und das meiner Kinder in Gefahr gebracht. Und ich bin nicht immer sicher, ob ich die nötige Kraft für diesen Kampf aufbringe. Aber ich habe sie dann doch, weil ich so empört bin. Und so überzeugt, dass wir im Recht sind, dass dieses Land uns Maya gehört. Es sind auch die Berge und die Erde, die mir diese Kraft geben.»
Mit unermüdlicher Energie engagiert Carmelina sich auch noch in anderen Bereichen: Als Koordinatorin von CODEMAV begleitet sie Frauen dabei, gemeinschaftlich Agrarökologie zu betreiben. «Wir wollen nicht nur Nahrung sichern, wir wollen Ernährungssouveränität.» Ausserdem hat sie Jura studiert, eine Kommunikationsausbildung absolviert und moderiert schon seit Jahrzehnten eine Radiosendung mit Fokus auf Frauenrechte und Gesundheit.
Nicht zuletzt arbeitet sie ehrenamtlich bei OSAR, einer Beobachtungsstelle für sexuelle und reproduktive Gesundheit. Sie begleitet dort Frauen und insbesondere Mädchen unter 14 Jahren, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. «Sexuelle Gewalt gegenüber Minderjährigen ist in unserer Region besonders verbreitet», erklärt Carmelina. «Auch mit CODEMAV kämpfen wir dafür, dies sichtbarer zu machen, mehr Bewusstsein dafür zu schaffen und so Druck auf den Staat auszuüben. Gerade indigene Frauen leiden noch immer sehr unter Machismus und patriarchalen Traditionen.»
Noch mehr Schwung mit Fastenaktion
Die Organisation ist in den letzten Jahren kräftig gewachsen. Inzwischen begleitet CODEMAV über 400 Gruppen mit rund 14 000 Frauen. «Dass wir seit 2024 von Fastenaktion unterstützt werden, ist eine grosse Freude und hat uns neue Horizonte eröffnet. Seither sind wir besser organisiert, kommen schneller voran und erreichen noch mehr Menschen.»
Doch der Kampf ist noch lange nicht vorbei, das ist Carmelina Chocooj schmerzlich bewusst. «Ich hoffe auf eine bessere Zukunft, aber für indigene Gemeinschaften bleibt es trotz all unserer Bemühungen hart. Dennoch wünsche ich mir, dass meine Kinder und Enkel ein gutes Leben haben und nicht so viel leiden müssen wie wir, unsere Eltern und Grosseltern. Ich hoffe, dass sie gemeinschaftlich leben und dass sie die Maya-Kosmologie bewahren. Denn sie, die Erde und die Berge, haben uns am Leben erhalten.»