Evelyne und Jannick (vorne) stellen die Fragen der Gruppe auf Französisch. Die anderen Jugendlichen hören aufmerksam zu.
Das Leben für junge Menschen in der Schweiz und im Senegal mag in vielerlei Hinsicht recht verschieden sein, doch etwas ist an diesem Januarmorgen genau gleich: Beide Seiten sind zu Beginn ein wenig nervös.
Mamadou Diop (27) lächelt oben auf der Leinwand etwas verlegen, während er darauf wartet, dass seine Kolleginnen ebenfalls Platz nehmen – das Team im Senegal ist leicht verspätet, weil das ganze Land nach dem Gewinn der Afrikameisterschaft im Fussball eine rauschende Partynacht hinter sich hat und der heutige Tag spontan zum Feiertag erklärt wurde.
Im Schulzimmer in Zofingen derweil haben sich Evelyne (17) und Jannick (16) mit einem Laptop vor der Leinwand positioniert: Sie werden im Namen der Gruppe die gemeinsam erarbeiteten Fragen stellen, weil sie mit Französisch gut klarkommen. Für alle, die damit weniger vertraut sind, übersetzt Vreni Jean-Richard (44), die bei Fastenaktion für den Senegal zuständig ist und diesen Austausch schon seit Jahren begleitet.
Herausforderung Französisch
Als schliesslich im Senegal auch Fatimata Barka Diop (22) und Nogaye Gaye (25) vor der Kamera angekommen sind, stellt Jannick ohne grosse Einleitung die erste Frage auf Französisch: «Wie sieht euer Alltag aus?» Im Senegal, wo gewisse Höflichkeitsformen im Vorfeld dazugehören, herrscht kurz verblüfftes Schweigen über den abrupten Start, doch Mamadou fängt sich rasch und erzählt, dass er meist so gegen 8 Uhr aufsteht, von 9 bis 17 Uhr arbeitet und abends gerne noch Sport macht, zum Beispiel Fussball spielen. Er gibt die Frage an Jannick zurück, der berichtet, dass er neben der Schule noch Nachhilfeunterricht in Mathematik, Deutsch und Französisch gibt, obwohl sein Französisch ja gar nicht so gut sei. Auch er macht gerne Sport. Evelyne erzählt, dass sie zu Hause mit ihren Eltern Französisch spricht und anders als Mamadou nur selten kocht.
Nach und nach kommt eine Konversation in die Gänge, doch auf Schweizer Seite sind die sprachlichen Hürden erheblich – selbst jene, die mit Französisch an sich klarkommen, müssen sich erst mal an den senegalesischen Accent gewöhnen. Die Schweizer Jugendlichen sind zudem viel schüchterner als die jungen Leute im Senegal, aber auf beiden Seiten wird während des Austauschs auch immer wieder gelacht.
Teil des Schulunterrichts
Für die etwa 30 Schüler:innen im Alter von 15 bis 17 Jahren kommt diese Doppellektion am Ende einer längeren Phase, in der sie sich im Akzentfach Gesellschaftswissenschaften mit Entwicklung in Westafrika beschäftigt haben. Das Akzentfach umfasst Geografie, Geschichte und Wirtschaft, und die Jugendlichen kommen dafür aus mehreren Klassen zusammen. Vor dem Online-Call erfahren sie von Vreni Jean-Richard noch einiges über den Senegal, über die teils problematischen Wirtschaftsbeziehungen der Schweiz zu den Ländern des Globalen Südens sowie die konkrete Arbeit von Fastenaktion – etwa wie die enorm erfolgreichen Solidaritätsgruppen im Senegal funktionieren. Und in der Pause gibt es einen typischen senegalesischen Tee, der gut anzukommen scheint.
Ist auch Ihre Schule an einem solchen Live-Austausch interessiert?
Was Fastenaktion mit Klassen der Kantonsschule Zofingen und unserem Koordinationsteam im Senegal regelmässig organisiert, können wir auch anderen Schulen und mit anderen afrikanischen Ländern anbieten. Zwar arbeiten wir auch in Lateinamerika und Asien, doch sind Live-Calls wegen der Zeitverschiebung schwieriger aufzugleisen.
Falls Sie Interesse haben, melden Sie sich bei: mail@fastenaktion.ch
Im Austausch zwischen den jungen Leuten geht es unter anderem um Traditionen und Feiern im Senegal (religiöse Feste werden immer von allen gemeinsam gross gefeiert, egal ob sie muslimisch oder christlich sind), um kulturelle Eigenheiten (Gastfreundschaft und Zusammenhalt sind enorm wichtig), um das Leben an der Kanti Zofingen oder die touristisch interessanten Orte im Senegal (eine schöne Küste, viele Inseln und Mangrovenwälder, Nationalparks mit zahlreichen Tieren, hübsche Städte).
Zum Schluss wollen Jannick und Evelyne noch wissen, ob die drei auch ihre Zukunft im Senegal sehen. Alle bejahen dies entschieden. Sie können sich vorstellen, für ein Studium oder die Arbeit zeitweise ins Ausland zu gehen. «Aber wir sind stolz auf den Senegal und wollen ihn mitgestalten», betont Mamadou. «Die Zukunft liegt in unseren Händen.»
Soraya, Melissa und Bryan (von links) fanden den Austausch mit dem Senegal eine einmalige Gelegenheit.
Für beide Seiten eine interessante Erfahrung
Nach dem Call ziehen die Schweizer Jugendlichen eine positive Bilanz. «Eine sehr coole Erfahrung», sagt Melissa (16), die insbesondere vom grossen Zusammenhalt im Senegal beeindruckt ist und diesen auch beneidenswert findet. «Davon könnten wir lernen, hier macht man viel allein.» Bryan (15) findet das Konzept der Solidaritätsgruppen sehr interessant. «Und dieser direkte Austausch war eine einmalige Gelegenheit.» Soraya (16) findet dies zwar auch, sprachlich sei es jedoch ein wenig herausfordernd gewesen. «Es war teilweise etwas verwirrend, für uns wäre es auf Englisch sicher einfacher gewesen.» Überrascht hat alle drei, dass das Schulsystem im Senegal mindestens so streng ist wie in der Schweiz.
Auch im Senegal kam der Austausch gut an. Mamadou und Nogaye gehören zum Kommunikationsteam von AgriBio Services in Thiès, jener lokalen Organisation, welche die Arbeit von Fastenaktion im Senegal koordiniert. Fatimata ist Praktikantin dort. «Uns hat die Qualität des Austauschs und die Aufgeschlossenheit der Jugendlichen beeindruckt», schreiben sie einen Tag später, «und es hat uns gefreut, dass sie mehr über unser Land erfahren wollen.» Bei ihnen hinterliess der Austausch den Eindruck, dass das Leben der Schweizer Schüler:innen sehr strukturiert sei und viele Möglichkeiten biete, worum sie sie auch ein wenig beneiden. «Interessant war für uns ausserdem, dass auch ihnen Solidarität wichtig ist.»
Authentischer Einblick für die Schüler:innen
Die Kooperation zwischen der Kantonsschule Zofingen und Fastenaktion läuft bereits seit über zehn Jahren und wurde ursprünglich von einem Lehrer der Kanti initiiert. Den Online-Call gibt es seit 2017. «Wir erhoffen uns, dass die Schüler:innen durch diesen Live-Austausch einen authentischen Einblick erhalten, und sind überzeugt, dass ihnen dies eine neue Sicht eröffnet», sagt Geschichtslehrer Marco Arni (49), einer der drei Lehrer, die diesen Anlass jeweils organisieren. «Von den Jugendlichen bekommen wir immer sehr positive Rückmeldungen, deshalb machen wir das auch schon so lange. Auch wenn das Französisch in dieser Schulstufe eine gewisse Hürde ist.»
Beim Online-Call zähle vor allem das Erlebnis und die authentische Erfahrung. «Aber das ist ja auch okay», sagt Arni, «die Wissensvermittlung findet rundherum statt. Ich denke, sie lernen durch den Austausch mehr als in einer weiteren Schulstunde mit Theorie.» Auch er selbst nehme dabei immer einiges mit. «Diesmal zum Beispiel, was für ein enormes Ereignis der Sieg im Afrika-Cup offenbar für das ganze Land ist.»
«Das sind dort ja Leute wie du und ich.»
Vreni Jean-Richard sieht die Veranstaltung als gute Gelegenheit, Stereotypen abzubauen. «Ein derart direkter Austausch mit realen Menschen aus dem Senegal bewegt etwas. Und wenn es nur die Erkenntnis ist: Das sind dort ja Leute wie du und ich.» Sie sieht dabei durchaus auch einen Nutzen für Fastenaktion: «Wenn wir schon Jugendliche für die Situation der Menschen im Globalen Süden sensibilisieren können, interessieren sie sich vielleicht später auch für die erfolgreiche Arbeit, die wir und andere gemeinsam mit den senegalesischen NGOs machen.»