Die letzten zwei Stunden unserer Reise in den Norden des riesigen Bundesstaates Mato Grosso im Westen Brasiliens legen wir auf einer Schotterpiste zurück. Links des staubigen Weges steht dichter, grüner Wald, rechts ist er abgeholzt – kilometerlang reihen sich Felder mit Soja- und Baumwollmonokulturen aneinander. Yaiku Suya Tapayuna (45) und seine Familie erwarten uns im abgelegenen Dorf Thyrykô im Indigenen Territorium Wawi. Das geschützte Gebiet gleicht einer letzten grünen Insel inmitten immenser gerodeter Flächen. Aber nicht nur die Landwirtschaft mit ihrer Abholzung und Brandrodung bedrohen die traditionelle Lebensweise der Tapayuna. Auch die Klimaerwärmung stellt in den letzten Jahren eine wachsende Herausforderung dar.
Eine Pumpe (blaue Tonne links im Bild) versorgt das Wasser der Fischzucht mit Sauerstoff.
Setzlinge «verkochen» in der Erde
Im Jahr 2024 war es besonders extrem, die Pflanzen von Yaiku sind in der heissen Erde regelrecht «verkocht». «Das Klima ist unvorhersehbarer als früher», stellt der fünffache Vater fest, «heute sind die Regenfälle unregelmässiger und die folgenden Dürreperioden länger.» Mehrmals säte er 2024 sein Feld neu aus, nur um von einer weiteren Dürre getroffen zu werden und wieder nichts ernten zu können. Dadurch verlor er grosse Mengen an Saatgut und Setzlingen – für die Indigene Familie ein ernsthaftes Problem, denn sie lebt abgelegen und ist auf Selbstversorgung angewiesen.
Yaiku sah die Ernährungssicherheit seiner Familie bedroht und begann, nach Alternativen zu suchen, um auf die Klimaerwärmung und die Dürreperioden zu reagieren. Dabei stiess er auf das vielversprechende agrarökologische Modell namens «Sisteminha» (portugiesisch für kleines System) der staatlichen Forschungsanstalt «Embrapa». Er kontaktierte unsere Partnerorganisation OPAN (Operação Amazônia Nativa), und gemeinsam begannen sie anfangs 2025 die Testphase.
Lösung: ein kleines, integrales System
Das System umfasst eine Fischzucht, ein Feld mit Gemüse und Obst, eine kleine Kompostieranlage, sowie die Haltung von Kleintieren (Hühner und Schweine). Die Fischzucht in einem 10‘000 Liter Becken ist das Herzstück – sie liefert nährstoffreiches Wasser für das nahegelegene Feld. Auch die festen Rückstände aus Fischfutter und -ausscheidungen dienen als natürlicher Dünger und versorgen den Boden mit Nähstoffen. Gemüse und Früchte werden systematisch angebaut, damit grössere Pflanzen wie Papaya, Bananen oder Mais den kleineren Gewächsen Schatten spenden. Was die Familie nicht für den Eigenbedarf braucht, kann sie verkaufen und so zusätzliches Einkommen generieren. Bereits nach einem Jahr sind erste Resultate sichtbar: «Die Bananenstauden, die mit dem Wasser aus der Fischzucht gegossen wurden, sind grösser, und der Mais wächst schneller», berichtet Yaiku. Auch die Fische sind bald gross genug für den Verzehr und Verkauf.
Yaiku präsentiert das «Sisteminha» an der COP30 in Belém.
Lokale Initiative auf internationaler Ebene
Das «Sisteminha» kombiniert traditionelles Indigenes Wissen mit technologischen Innovationen, ist speziell für kleine Flächen konzipiert und kann von einer Familie betrieben werden. Yaiku konnte von seinen positiven Erfahrungen sogar auf internationaler Ebene berichten, an der Weltklimakonferenz (COP30) im November 2025 in Brasilien.
Gemeinsam mit der Partnerorganisation OPAN fördert Fastenaktion die Rolle der Indigenen Bevölkerung in der globalen Klimadebatte und ermöglicht solche lokalen Initiativen. Denn sie stärken die Autonomie und Ernährungssicherheit auch in abgelegenen Gebieten. «Dieses ausgeklügelte Modell ist ein Musterbeispiel», ist Yaiku überzeugt, «es wird auch anderen Indigenen Gemeinschaften nützen.»