
Der Vorsitzende der Kimaeti Farmers Association, Shadrack Masika, mit einer Mitarbeiterin in seinem Büro.
Auf dem Gelände des New Santos Hotel in Bungoma herrscht Hochbetrieb. Kimaeti Farmers Association hat die Anlage für den Tag gemietet und über 100 Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu einem Workshop eingeladen. Die Partnerorganisation von Fastenaktion im Westen Kenias schult ihre Mitgliedsfamilien an diesem Tag zu den Rechten, die ihnen laut der Uno-Deklaration für bäuerliche Rechte (UNDROP) zustehen. Dazu gehören beispielsweise das Recht auf Saatgut, Land und Wasser, auf eine gesunde Umwelt und Nahrungsmittelsicherheit, auf Bildung, Gesundheit und Mitsprache.
Die Menschen versammeln sich in kleinen Gruppen im Schatten von Bäumen und unter Vordächern, hören interessiert zu und diskutieren eifrig mit. Eine von ihnen ist Annah Kituyi. «Bis 2020 habe ich teures Hybridsaatgut gekauft. Doch durch das Projekt von Kimaeti und Fastenaktion habe ich viel über die Bedeutung von traditionellem Saatgut erfahren», sagt die 43-jährige Kleinbäuerin aus Koteko. «Heute verwende ich nur noch dieses. Ich kann es selbst herstellen, und es ist weniger anfällig gegenüber Schädlingen, braucht keine Chemie und führt zu qualitativ hochwertigeren Produkten. Das hat sich auch positiv auf die Gesundheit meiner Familie ausgewirkt.»
Wissen und Rollenspiele
Am Nachmittag sollen die Teilnehmenden dann demonstrieren, was sie gelernt haben: In Rollenspielen zeigen sie, wie sie zu Behörden oder Politiker:innen gehen, um ihre Rechte einzufordern. Dabei wird viel und herzlich gelacht, denn insbesondere jene, die Behördenmitglieder spielen, karikieren genüsslich deren selbstgefällige Unwilligkeit – offensichtlich waren sie mit solchem Verhalten schon oft selbst konfrontiert. Mit ihrem neuen Wissen ausgerüstet, dürften künftige Behördenbesuche selbstbewusster ablaufen als bisher.
Mitten im Getümmel ist auch Shadrack Masika, der leutselige Vorsitzende der Kimaeti Farmers Association. Der 52-jährige Landwirt und Familienvater hat die Organisation 2009 mitgegründet und leitet sie seit 2017. «Wir starteten mit 150 Bäuerinnen und Bauern, heute sind es fast 10 000, mehr als zwei Drittel sind Frauen.» Und mit Frauen hat auch alles begonnen: «Sie waren die Ersten, die sich damals zusammenschlossen, unter ihnen auch meine Frau, die dann mich überzeugt hat.» Heute bewirtschaftet das Paar gemeinsam einen eigenen Hof, ausserdem sind sie Mitglieder einer Solidaritätsgruppe und engagieren sich bei Kimaeti.
Achtmal höhere Ernten
Aber warum leitet bei überwiegend weiblichen Mitgliedern ausgerechnet ein Mann die Organisation? Masika lacht laut. «Eine berechtigte Frage! Meine Frau und ich gelten mit unseren agrarökologischen Praktiken als Vorzeigebetrieb, vermutlich haben sie mich deshalb gewählt. Aber im 15-köpfigen Vorstand der Organisation gibt es viele Frauen. Und 2026 wird neu gewählt – ziemlich sicher eine Frau.» Inklusion wird generell gross geschrieben bei Kimaeti, so sind auch ethnische Minderheiten oder Mitglieder mit Beeinträchtigung voll integriert.
Und die Erfolge können sich sehen lassen. «Durch den Zusammenschluss und den Einsatz von agrarökologischen Techniken hat sich das Leben der Menschen hier enorm verändert», erklärt Masika. «Insbesondere konnten wir die Ernteerträge erhöhen – wir produzieren heute achtmal mehr Nahrung auf unseren Feldern, und gesünder ist sie erst noch. Früher haben wir nur einmal am Tag gegessen, jetzt essen wir zwei- oder dreimal.» Auch die finanzielle Situation der Menschen ist viel besser als vorher: Sie können einen Teil der Ernte verkaufen. «Zudem war früher jeder auf sich allein gestellt, jetzt handeln wir gemeinsam, werden als Gruppe gehört – sogar von der Regierung.»

Agnes Oningo, Landwirtschaftsdirektorin des Bezirks Busia, hat eine eigene Farm, auf der sie ebenfalls agrarökologische Techniken nutzt.
Agrarökologie hat Region verändert
Verändert hat sich auch die Stellung der Geschlechter. «Früher durfte keine Frau ohne die Erlaubnis ihres Mannes etwas tun, das ist nun vorbei. Frauen reden gleichberechtigt mit, und viele besitzen heute auch eigenes Land», sagt Masika. Die erfolgreiche Arbeit von Kimaeti bekam mit der Unterstützung durch Fastenaktion ab 2019 nochmals einen Schub. «Mit ihr kamen Solidaritätsgruppen und Schulungen – seither essen und arbeiten wir zusammen, machen alles zusammen. Unser Leben ist von einem schwierigen zu einem leichten geworden.»
Als grösste Herausforderung sieht er die Überzeugungsarbeit bei den Bäuerinnen und Bauern. «Die Arbeit mit agrarökologischen Techniken ist ziemlich anspruchsvoll – einigen ist es zu viel. Der Schlüssel ist, sie davon zu überzeugen, diesen anfänglichen Mehraufwand durchzustehen, denn danach wird es leichter.» Dennoch kommt es vor, dass einige aus Überforderung wieder aus dem Projekt aussteigen. «Aber viele kommen zurück, weil unsere Ergebnisse so überzeugend sind.»
Das finden inzwischen auch die Lokalbehörden der Region. Das Koordinationsteam von Fastenaktion in Nairobi hat im Juni 2025 deshalb erstmals eine Konferenz mit Behördenmitgliedern und Partnerorganisationen in West-Kenia organisiert. Zu den Teilnehmenden im malerisch gelegenen Mlimani Gardens Hotel im Süden Bungomas gehört auch Agnes Oningo. «Die Agrarökologie hat unsere Region verändert und die Situation zahlreicher Bäuerinnen und Bauern enorm verbessert», sagt die 41-jährige Landwirtschaftsdirektorin des Bezirks Busia.
Viel politischer Goodwill
«Das haben wir ganz stark Basisorganisationen wie Kimaeti zu verdanken. Sie haben die Menschen zusammengebracht, was es auch uns erleichtert, sie zu erreichen.» In Oningos Bezirk gibt es 42 000 bäuerliche Haushalte, von denen inzwischen ein knappes Drittel agrarökologische Praktiken anwendet – auch sie selbst. «Ich habe einen Bachelor in Landwirtschaft und kannte einige der Techniken bereits, habe aber durch Kimaeti noch einiges Neues gelernt. Diese Methoden erhöhen nicht nur die Ernteerträge, sie helfen uns auch sehr im Umgang mit der Klimaerwärmung.»
Der Bezirk Busia unterstützt die Verbreitung dieser Praktiken inzwischen sogar ganz offiziell. «Immer mehr Bäuerinnen und Bauern sehen die Erfolge von anderen und wollen es auch versuchen.» Selbst auf nationaler Ebene sind die positiven Ergebnisse aufgefallen; mittlerweile sind diese Techniken sogar Teil der offiziellen Landwirtschaftsstrategie bis 2033. «Die Agrarökologie ist jetzt sozusagen die Nationalhymne», sagt Oningo und lacht. «Es gibt viel politischen Goodwill dafür. Auch dank der erfolgreichen Arbeit von Kimaeti und anderer Basisorganisationen.»
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