
Rebecca Kyalo und ihr Mann Kyalo Matate präsentieren eine Riesenpassionsfrucht aus eigenem, agrarökologischen Anbau.
Regentropfen prasseln aus dunklen Wolken auf die terrassierten Hügel von Kithungo und Kalongo. Wir befinden uns auf den letzten Kilometern einer Autofahrt in den Bezirk Makueni, etwa zwei Autostunden südöstlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Zwischen nassgrünen Büschen und Bäumen blitzen die glänzenden Aludächer kleiner Häuser und Hütten in den wenigen Sonnenstrahlen.
«In Makueni leben hauptsächlich Kambas, eine Bevölkerungsgruppe mit einer langen landwirtschaftlichen Tradition», erzählt Stellamaris Mulaeh. Sie koordiniert für Fastenaktion in Kenia die Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen. «In dieser Region gibt es die besten Mangos und Orangen des Landes.»
Auch wenn es wie heute in der Regenzeit intensiv regnen kann, leidet die Region schon länger unter chronischem Wassermangel. Die kleinen Flüsse zwischen den Hügeln Makuenis führen in der Trockenzeit zu wenig Wasser – für die bäuerlichen Familien eine existenzielle Herausforderung.
Sanddämme gegen Trockenheit
Die kenianische Partnerorganisation Utooni konstruiert deshalb schon seit über 20 Jahren Sanddämme in der Region (damals noch nicht von Fastenaktion mitfinanziert). Diese Sandbanken hinter betonierten Wasserschwellen helfen, das wenige Wasser des Flussbetts zurückzuhalten und zu speichern. In trockeneren Zeiten erleichtern sie die Wasserversorgung der kleinbäuerlichen Familien in der Umgebung.
«Leider sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche bäuerliche Traditionen verloren gegangen», sagt Stellamaris. Viele Grossmütter hätten als junge Frauen vor ihrem Haus noch Gemüsegärten und Obstbäume gepflegt; die Familien konnten sich weitgehend selbst versorgen. «Doch die Prioritäten der Menschen haben sich auch hier verschoben, die Vielfalt der Ernährung hat gelitten.»
Utooni reaktiviert diese bäuerlichen Traditionen und erweitert sie unterstützt von Fastenaktion mit einem agrarökologischen Ansatz, der langfristig eine ausgewogene Ernährung bringt und die Felder auch in Dürrezeiten besser schützt.
Ein Hof, eine Gruppe, ein Plan
Ein schlammiger Weg führt uns zum Hof von Rebecca Kyalo und ihrem Mann Kyalo Matate. Sie und die anderen Mitglieder der «Wilden Hasen» – einer lokalen Solidaritätsgruppe – begrüssen uns ausgelassen, trotz oder vielleicht gerade wegen dem feuchtnassen Wetter. Rebecca und Kyalo haben extra mit dem Setzen des Spinats auf uns gewartet, doch nun droht der Regen, das vorbereitete Pflanzbeet zu überschwemmen. Wir ziehen uns rasch Gummistiefel über, damit unsere Schuhe nicht im lehmig-matschigen Erdboden steckenbleiben.
Mit einem kurzen Stecken bohrt Rebecca von Hand ein Loch nach dem anderen in die Erde und pflanzt die Setzlinge, jeweils diagonal versetzt im Abstand von 30 cm. «Dadurch haben wir eine bessere Kontrolle über Schädlinge», erklärt Rebecca beim Setzen. Seit sie Mitglied der Solidaritätsgruppe ist, verzichtet sie ganz auf Insektizide. «Wir haben gelernt, wie wir unsere Pflanzen mit einfachen Mitteln schützen können.» Dazu gehören zum Beispiel ein Aschensud, oder zerbrochene Eierschalen und Salzkörner gegen Schnecken.
Was sind Solidaritätsgruppen?
In Solidaritätsgruppen zahlen die Mitglieder Beträge in Form von Geld oder Grundnahrungsmitteln in eine gemeinsame Kasse ein. Daraus können sie günstige oder gar zinslose Darlehen für Grundbedürfnisse wie die Begleichung von Schulgebühren, Gesundheitsausgaben oder den Kauf von Nahrungsmitteln aufnehmen.
Auch bei Notfällen kann Geld oder Getreide geliehen werden, denn nicht Profit, sondern Solidarität und Absicherung stehen an erster Stelle. Fastenaktion finanziert jeweils Ausbildung und Begleitung der Gruppen, die durch lokale Fachpersonen geschieht, zahlt aber selbst nichts in die Kassen ein.
Die Solidaritätsgruppen sind auf die kulturellen Besonderheiten der jeweiligen Länder abgestimmt. Und sie reduzieren den Hunger zuverlässig und nachhaltig, wie eine Wirkungsstudie 2019 (auf Englisch) zeigte.

Die Spinatsetzlinge werden diagonal versetzt im Abstand von 30 cm eingepflanzt. Dadurch lassen sich die Schädlinge besser abhalten.
Zusammenhalt fördern
Neben Spinatbeeten sind auf der terrassierten Fläche weitere gepflegte schmale Beete angelegt – jedes etwa 7.5 Meter lang und 1.2 Meter breit. «Hier wächst Grünkohl, dort spriessen Frühlingszwiebeln und da drüben stehen schon erste Mangoldblätter», sagt Rebecca mit leuchtenden Augen.
Alle Mitglieder der Solidaritätsgruppe pflegen um ihr Haus zusätzlich einen kleinen Küchengarten mit Gemüse. Bei grösseren Arbeiten, wenn etwa ein neues Beet angelegt wird, helfen sie sich gegenseitig. Das erleichtert die Arbeit und fördert die Zusammengehörigkeit. Die Setzlinge zieht die Gruppe in einem gemeinschaftlichen Garten am etwa zwei Kilometer entfernten Fluss.
Weiter geht es vorbei an Büschen und Bäumen zum so genannten Waldgarten. Die Gruppe hat ihn 2020 angelegt, seither bietet er Jahr für Jahr besseren Schutz vor Hitze, Wind oder Bodenerosion. «Er ist unsere Investition in die Zukunft,» sagt Kyalo.
Investition in Schatten und Boden
Rebecca erzählt, dass die Büsche und Bäume des Waldgartens in sieben Ebenen angelegt sind: Höher wachsende Bäume bieten Schutz als Windbrecher. Mango- und Zitronenbäume schaffen Schattenräume für Granatapfelsträuche und Rosmarinkräuter. Unter der Erde wachsen Maniok oder Pfeilwurz. Und als Bodenbedecker zum Schutz vor Trockenheit pflanzt das Paar Kürbis. Stolz präsentieren Rebecca und Kyalo eine bald reife Riesenpassionsfrucht, die entlang eines Moringabaums als Kletterpflanze in die Höhe wächst.
Die sorgfältige Kombination von Pflanzen und Bäumen ermöglicht nicht nur eine abwechslungsreiche Ernährung – sie schützt die landwirtschaftliche Fläche vor Trockenheit und Bodenerosion, fördert die Biodiversität und stabilisiert den Nährstoffhaushalt. So bleiben die Böden fruchtbar. Und wenn die kleinbäuerlichen Familien Fragen zu Pflanzungen oder Probleme mit Schädlingen haben, unterstützt Maurice Kyalo sie. Im Auftrag von Utooni versorgt der Landwirtschaftsexperte sechs Solidaritätsgruppen mit insgesamt etwa 120 Bäuerinnen und Bauern mit Wissen zum agrarökologischen Anbau. Fast wöchentlich besucht er jede der Familien in der Umgebung.
Der Autor dieser Reportage
Christian Heuss leitet die Agentur Die WissensWandler und koordiniert die Kommunikation der Alliance Sufosec. Zu dieser Schweizer Allianz für nachhaltige Ernährung weltweit gehören neben Fastenaktion auch Swissaid, Vétérinaires sans Frontières Suisse, Vivamos, Aqua Alimenta und Skat Foundation. Christian Heuss bewegt sich seit über 25 Jahren an der Schnittstelle von Wissenschaft, Gesellschaft und Medien. Als Redaktionsleiter hat er für Schweizer Radio SRF Themen aus Forschung und Wissenschaft aufbereitet.

Reger Austausch beim Treffen der Solidaritätsgruppe der «Wilden Hasen».
Vom Zukauf zum Verkauf
Die Anstrengungen in Feld und Garten zahlen sich für Rebecca und Kyalo bereits heute aus: Der Gemüsegarten und die Früchte und Kräuter des Waldgartens decken nicht nur den Bedarf der Familie, Kyalo verkauft einen Teil der Ernte auch auf dem Markt im Ort. «Früher bauten wir nur Mais und Bohnen an. Das Gemüse mussten wir kaufen», sagt Rebecca. Heute kann die Familie mit dem Erlös vom Markt ihre Schulgebühren oder Gesundheitskosten besser decken.
Seit zwei Jahren hat sie zudem eine weitere Ertragsquelle: Eier. In einem gepflegten Stall hält Rebecca zehn Hühner, die sie unter anderem mit Sonnenblumenkernen aus ihrem Garten füttert. Morgens und abends sammelt sie insgesamt 10 bis 14 Eier ein, von denen sie einen Teil verkauft. Der Mist der Hühner ist wiederum willkommener Dünger im Küchen- und Waldgarten.
Würde und Selbstvertrauen
Vor dem Haus haben sich in der Zwischenzeit die «Wilden Hasen» in einem Kreis versammelt. Die Solidaritätsgruppe besteht zu mehr als zwei Dritteln aus Frauen. Reihum erzählen sie über ihren gemeinsamen Lernweg zu agrarökologischen Methoden: von den Küchengarten-Beeten über die Verwendung von Kompost als Dünger bis zum Food Forest nach dem Sieben-Schichten-Prinzip. Und mit Stolz erklären sie ihr Spar- und Kreditsystem, dank dem die einzelnen Mitglieder auch bei Engpässen Schulgeld oder Gesundheitsausgaben finanzieren können.
Eines darf bei solchen Treffen nie fehlen: das gemeinsame Essen. Wir sitzen zusammen, essen Pfeilwurz und Maniok, teilen Mangos und lachen über die dreckigen Stiefel. In solchen Momenten wird sichtbar, worum es in der Agrarökologie auch geht: um Würde, um Selbstvertrauen – und um Gemeinschaft. Die «Wilden Hasen» nennen es gemeinsames Lernen. Es fühlt sich an wie eine hoffnungsvolle Zukunft.
Erfahren Sie hier mehr über unsere Arbeit in Kenia.


