Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) schlägt Alarm: «El Niño ist eine massive Bedrohung der Ernährungssicherheit von Millionen, die schon jetzt verletzlich sind. Je früher wir den Familien helfen, sich auf die Folgen von Klimaschocks vorzubereiten, desto mehr Leben können wir retten», sagt Carl Skau, der Direktor des WFP. Besonders hart getroffen werden dürften Zentralamerika, Südostasien und das südliche Afrika. Laut dem WFP könnten bis Ende 2027 mindestens 49 Millionen Menschen zusätzlich unter akuter Ernährungsunsicherheit leiden. Insbesondere in ländlichen, abgelegenen Regionen werden die Auswirkungen dramatisch sein.
El Niño – einfach erklärt
Das Phänomen entsteht jeweils im Pazifik zwischen der Küste Ecuadors und den polynesischen Inseln. Dort hat sich das oberflächennahe Meerwasser schon jetzt aussergewöhnlich stark erwärmt. Und je höher die Temperatur, desto heftiger die Folgen.
Ausgelöst wird El Niño durch eine Veränderung der Passatwinde, die im Pazifik normalerweise dem Äquator entlang von Ost nach West wehen. Dies sorgt dafür, dass viel Feuchtigkeit nach Westen kommt, die dann über den Inseln Südostasiens zu intensiven Niederschlägen führt. Im Ostpazifik sorgt derweil ein beständiges Hoch für Trockenheit in Zentral- und Südamerika.
Bei einem El Niño, der durch ansteigende Meerwassertemperaturen ausgelöst wird, dreht sich dies um: Plötzlich herrscht in Südostasien ungewöhnliche Trockenheit, derweil es an der Küste Süd- und Zentralamerikas ergiebig regnet. Doch die Effekte sind komplexer: Weil Meeresströme und Wettersysteme global miteinander verbunden sind, spüren sämtliche tropischen und subtropischen Gebiete der Welt die Auswirkungen in Form von Wetterextremen wie Dürren oder Überschwemmungen.

Im März und April gab es starke Regenfälle, nun herrscht zunehmende Trockenheit in Haiti.
Dürre gefährdet die Ernten
Klimawissenschaftler:innen gehen derzeit von einem der stärksten El Niños seit Messbeginn aus. Dies betrifft auch die Länder, in denen Fastenaktion arbeitet – Haiti zum Beispiel. Der bitterarme Karibikstaat, der seit Jahren von gewalttätigen Banden terrorisiert wird, rechnet wegen El Niño mit unterdurchschnittlichen Niederschlägen, hohen Temperaturen und Dürren. «Nach starken Regenfällen, die im März und April zu Überschwemmungen, Schäden und sogar Todesopfern geführt haben, herrscht nun zunehmende Trockenheit», sagt Jean Philippe Viala, der Koordinator von Fastenaktion vor Ort. «Die Dürre beeinträchtigt den Beginn der Aussaat, und wegen El Niño dürfte es auch den Rest des Jahres viel zu trocken sein. Während des letzten starken El Niños von 2015/16 gingen die Ernten in Teilen des Landes um bis zu 70 Prozent zurück, was zu einem starken Anstieg der Ernährungsunsicherheit führte.»
In Guatemala werden ähnliche Effekte erwartet, und die Trockenheit ist schon jetzt enorm. «Die Ernten werden sehr gering ausfallen», sagt Philippa Mund, die Programmverantwortliche bei Fastenaktion. «Voraussichtlich werden indigene, kleinbäuerliche Familien schon im Januar gezwungen sein, ihr Saatgut als Nahrung zu konsumieren. Dadurch fehlt es für die nächste Aussaat, was die Ernten weiter reduzieren wird. Einzige Alternative, um das Saatgut aufzusparen, ist die Verschuldung oder der Hunger.»
Wirksame Ansätze auch gegen El Niño
Auch in Afrika bereiten sich die Bäuerinnen und Bauern vor. Während im oft zu trockenen Kenia auch mit etwas Hoffnung auf zusätzlichen Regen durch El Niño geblickt wird, fürchten die Menschen in Madagaskar unregelmässigere Niederschläge und stärkere Wirbelstürme. «Umso wichtiger sind die Massnahmen, die wir in unseren Projekten ohnehin fördern», betont Diary Ratsimanarihaja, die Ko-Koordinatorin von Fastenaktion in Madagaskar. «Mit den agrarökologischen Anbautechniken und Solidaritätsgruppen stärken wir die Anpassungsfähigkeit der kleinbäuerlichen Familien. Sie ermöglichen eine Diversifizierung auf den Feldern und den Aufbau von Ersparnissen. Das macht die Haushalte weniger abhängig und ermöglicht ihnen, Schocks besser abzufedern – sei es nun ein starker El Niño oder die Klimaerwärmung generell.»
Das gleiche gilt auch für die anderen Programmländer von Fastenaktion. Unsere Partnerorganisationen tragen dazu bei, dass Familien neue Antworten entwickeln, sich ausreichend und gesund ernähren können – und auch einen starken El Niño weniger fürchten müssen.


