
Sofía Monsalve Suárez (Mitte) beim Besuch eines Workshops mit Indigenen in Panama.
Frau Monsalve Suárez, was genau tun Sie als Uno-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung?
Diese Rolle gehört zu den Kronjuwelen des Uno-Menschenrechtssystems: Wer unter Menschenrechtsverletzungen leidet, kann sich direkt an diese unabhängigen Expert:innen in den verschiedenen Bereichen wenden und den Schutz seiner oder ihrer Rechte einfordern. Wir prüfen diese Meldungen und erinnern dann die betroffenen Staaten oder Unternehmen an ihre Verpflichtungen im Rahmen der internationalen Menschenrechtsgesetze.
Das heisst, eine Bäuerin im Senegal kann Ihnen eine Mail schreiben, und Sie nehmen sich dieser Sache direkt an?
Im Prinzip ja. Auf unserer Website gibt es einen Mailkontakt, und meine Assistentin wird sich das ansehen und einige Nachfragen stellen. Anschliessend prüfen wir die Aussagen – es müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein, dass ich mich dem Anliegen annehmen kann. Aber dieser Mechanismus ist enorm wertvoll, denn es bedeutet, dass selbst Menschen in autoritären Staaten bei solchen Rechtsverletzungen nicht allein sind: Bei uns finden sie ein offenes Ohr und Unterstützung. Daneben mache ich Länderbesuche, allerdings muss ich dafür von einer Regierung offiziell eingeladen werden. Und ich verfasse Berichte für die Uno-Generalversammlung über die aktuelle Situation.
Sofía Monsalve Suárez
Sofía Monsalve Suárez (57) ist seit Mai 2026 Uno-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung. Die Kolumbianerin hat in Bogotá und Heidelberg studiert und arbeitete 25 Jahre lang bei FIAN International, einer Menschenrechtsorganisation, die auf Ernährung und das Recht auf Nahrung fokussiert ist. Heute lebt sie in Deutschland und forscht am Heidelberger Institut für Global Health. Ihre Amtszeit als Sonderberichterstatterin dauert drei Jahre und kann um weitere drei Jahre verlängert werden. Die Position ist ehrenamtlich und unbezahlt.

Kleinbäuerliche Familien in Nepal kämpfen zunehmend mit Trockenheit – eine Folge der Klimaerwärmung.
Wie ist denn die aktuelle Situation? Was sind die grössten Probleme, die angegangen werden müssen?
Die sind leider zahlreich. Es fängt damit an, dass unsere industriellen Ernährungssysteme weder nachhaltig noch gerecht sind. Zudem machen sie uns krank, weil wir verleitet werden, zu viele ultra-verarbeitete Produkte zu konsumieren. Die industrielle Lebensmittelproduktion ist auch stark von fossilen Brennstoffen und chemischen Düngemitteln und Pestiziden abhängig, was unsere Ökosysteme zerstört und etwa für verantwortlich ist.
Das alles basiert in hohem Mass auf der Ausbeutung von Arbeitskräften und führt zu empörenden Ungleichheiten beim Zugang zu Lebensmitteln. Es ist ganz klar, dass wir nicht einfach so weitermachen können wie bisher. Umso mehr als Hunger und Unterernährung tendenziell wieder zunehmen. Und das hat nichts mit Knappheit zu tun, es ist hauptsächlich ein Problem des Zugangs, also wer das Recht hat, an Lebensmittel zu kommen und wer nicht. In unseren marktorientierten Gesellschaften wird das weitgehend übers Einkommen geregelt.
Die Liste der Probleme ist also lang…
Ja, wir stehen vor der enormen Aufgabe, unsere Ernährungssysteme komplett umzugestalten. Das wird durch die aktuelle geopolitische Lage natürlich zusätzlich erschwert. Immer mehr Länder wenden einen immer grösseren Teil ihres Budgets für Sicherheit und Remilitarisierung auf. Und wir erleben derzeit eine erschreckende Zunahme bewaffneter Konflikte – was den Hunger weiter verstärkt.
In welchen Bereichen möchten Sie in Ihrer neuen Position Fortschritte erzielen?
Um ehrlich zu sein glaube ich nicht, dass wir angesichts der aktuellen Lage grosse allgemeine Fortschritte erreichen können. Punktuell können wir aber einiges bewirken, etwa indem wir Menschen, die unter Verstössen leiden, mehr Gehör verschaffen. Zudem will ich den Wandel von unten fördern und mich mit ganzer Kraft dafür einsetzen, all jene zusammenzubringen, die weiterhin bereit sind, die Uno-Charta und das Völkerrecht zu respektieren. Wir leben in beispiellosen Zeiten, und das Wichtigste, was wir meiner Meinung nach aktuell tun können, ist, die bisherigen wertvollen Errungenschaften zu verteidigen und an die nächste Generation weiterzugeben. Ich möchte deshalb insbesondere auch junge Führungskräfte und die Jugend allgemein einbinden und stärken.
Sehen Sie denn irgendwo auch positive Entwicklungen?
Oh ja, die Agrarökologie zum Beispiel verbreitet sich mehr und mehr – zwar nicht in dem Ausmass, das wir uns wünschen, aber immerhin. Es gibt verschiedene Initiativen zur Stärkung der Gemeinwohl-Ökonomie in den Ernährungssystemen. Sogar einige Regierungen setzen sich inzwischen für Verbesserungen ein und ändern Gesetze. Die Knappheit von Düngemitteln führt dazu, dass selbst beginnen, sich für Agrarökologie zu interessieren. Denn auch sie erkennen plötzlich, was die Bewegung für Ernährungssouveränität schon seit langem sagt: Dass wir zu abhängig von diesen globalisierten, nicht nachhaltigen Agrarlieferketten sind. Immer mehr Institutionen räumen ein, dass der Freihandel in diesem Bereich gescheitert ist und wir nun Instrumente brauchen, um die Märkte zu beruhigen.

Dank Agrarökologie kann Kleinbäuerin Derupa Nepali ihre Familie auch unter schwierigen Bedingungen vielfältig und gesund ernähren.
Es bewegt sich also etwas?
Absolut. Die Entwicklung ist nicht geradlinig, aber es findet durchaus ein Wandel statt. Als Beispiel dafür können auch Städte wie New York, Istanbul oder Belo Horizonte dienen, wo es Pläne gibt für Lebensmittelläden und Restaurants, die den üblichen Marktmechanismen entzogen sind. Die Idee dahinter ist, dass Essen ein Teil der öffentlichen Infrastruktur sein sollte, wie Gesundheit, Wasser oder Energie. Das geht aus meiner Sicht in die richtige Richtung.
Wie gross ist Ihr Team für all diese Aufgaben?
Es ist ja eine ehrenamtliche Tätigkeit, die Infrastruktur ist entsprechend bescheiden. Umso mehr als sich die Uno derzeit in einer politischen und finanziellen Krise befindet und sparen muss. Bisher habe ich nur gerade eine Person, die mich unterstützt. Das dürfte sich aber noch bessern dank grosszügiger Unterstützung einiger Regierungen wie die der Schweiz. Daneben gibt es noch Kooperationen mit Forschungsteams, aktuell etwa an Universitäten in Leiden und Florida. Sie helfen bei Berichten und um die notwendigen Recherchen durchzuführen, wenn Menschen bei uns Rechtsverletzungen melden. Ich bin also nicht allein, sondern eine Art Knotenpunkt eines grossen Netzwerks.
Und Sie machen das neben Ihrer Arbeit an der Universität Heidelberg? Bleibt dafür überhaupt noch genug Zeit?
Zum Glück ergänzen sich die beiden Positionen inhaltlich recht gut, die Forschungsstelle in Heidelberg dreht sich um Ernährungssysteme und Gesundheit. Und von einigen anderen Aufgaben musste ich mich zurückziehen, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Ich bin übrigens auch die erste Person in dieser Position mit einem zivilgesellschaftlichen Hintergrund.
Welche Rolle spielen zivilgesellschaftliche Organisationen wie Fastenaktion bei diesen vielen Herausforderungen?
Eine sehr bedeutende. Sie unterstützen Organisation im Globalen Süden dabei, das Wissen von kleinbäuerlichen Familien und Indigenen weiterzuentwickeln – für eine nachhaltigere, bessere Landwirtschaft und um dem Klimakollaps zu begegnen. Das ist enorm wichtig und führt immer wieder zu hoffnungsvollen, beeindruckenden Nachrichten, etwa wie Bauern in Mali mitten in einer extrem trockenen Region dürreresistentes Saatgut entwickelt haben. Zudem bringen sie Stimmen aus dem Süden an wichtige internationale Veranstaltungen wie etwa das Uno-Welternährungskomitee (CFS), das sich im Oktober erneut in Rom treffen wird.
Auch Fastenaktion wird dort wie üblich mit Partnerorganisationen teilnehmen. Haben denn Veranstaltungen wie das CFS einen Einfluss auf die Situation der Menschen im Globalen Süden?
Diese zu verbessern, ist eigentlich die Aufgabe der Regierung des jeweiligen Landes. Die Verhandlungen beim CFS sollen internationale Abkommen ermöglichen, etwa Regulierungen von transnationalen Unternehmen. Und es gibt auch Beispiele für direkte Verbesserungen: In Mali trugen vom CFS verabschiedete Leitlinien dazu bei, dass die Gesetze nun die gewohnheitsrechtliche Landnutzung und die Rechte der Frauen stärker berücksichtigen. Aber global gesehen muss noch viel geschehen, denn die Leitlinien des CFS sind leider nicht bindend, sondern freiwillig. Das liegt jedoch nicht am CFS, sondern an den Regierungen mächtiger Länder, die dies so wollen.

Kleinbäuerinnen wie Bisna Nepali tragen entscheidend dazu bei, dass Familien und Dorfgemeinschaften genug zu essen haben.
Auch Fastenaktion wird dort wie üblich mit Partnerorganisationen teilnehmen. Haben denn Veranstaltungen wie das CFS einen Einfluss auf die Situation der Menschen im Globalen Süden?
Diese zu verbessern, ist eigentlich die Aufgabe der Regierung des jeweiligen Landes. Die Verhandlungen beim CFS sollen internationale Abkommen ermöglichen, etwa Regulierungen von transnationalen Unternehmen. Und es gibt auch Beispiele für direkte Verbesserungen: In Mali trugen vom CFS verabschiedete Leitlinien dazu bei, dass die Gesetze nun die gewohnheitsrechtliche Landnutzung und die Rechte der Frauen stärker berücksichtigen. Aber global gesehen muss noch viel geschehen, denn die Leitlinien des CFS sind leider nicht bindend, sondern freiwillig. Das liegt jedoch nicht am CFS, sondern an den Regierungen mächtiger Länder, die dies so wollen.
Die Uno hat 2026 zum Jahr der Bäuerinnen erklärt. Was bringt sowas? Und was muss getan werden, um die Situation der Bäuerinnen zu verbessern?
Es trägt sicherlich ein wenig dazu bei, einem Thema Sichtbarkeit zu verleihen. Aber um tatsächlich etwas zu bewirken, muss sich viel verändern. Die CFS-Leitlinien zur Geschlechtergleichstellung geben den Kurs vor: Es mangelt vor allem an einer über Ressourcen wie Land oder Saatgut zur Nahrungsmittelproduktion. Hinzu kommen fehlende Rechte von Arbeitnehmerinnen, fehlende soziale Absicherung sowie der Schutz von Frauen generell. So ist zum Beispiel die Verbreitung von Gewalt gegenüber Frauen in Ernährungssektor enorm. Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein allgegenwärtiges Problem, das wir dringend angehen müssen.
Bericht zum Hunger in der Welt
Der neuste Ernährungsbericht der Uno-Welternährungsorganisation FAO zeigt: 645 Millionen Menschen leiden aktuell weltweit an Hunger und Mangelernährung. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Afrika (56 Prozent) war 2025 von Ernährungsunsicherheit betroffen. Jede dritte Person kann sich keine gesunde Mahlzeit leisten. Hier finden Sie unsere Einordnung zum Bericht und zur Hungersituation weltweit.
FAQ – häufig gestellte Fragen
Was ist die Aufgabe der Uno-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung?
Wer in diesem Bereich unter Menschenrechtsverletzungen leidet, kann sich direkt an Sofía Monsalve Suárez wenden und den Schutz seiner oder ihrer Rechte einfordern. Die unabhängige Expertin prüft dies mit einem kleinen Team und erinnert dann die betroffenen Staaten oder Unternehmen an ihre Verpflichtungen im Rahmen der internationalen Menschenrechtsgesetze. Ausserdem verfasst sie Berichte für die Uno-Generalversammlung über die aktuelle Situation.
Wie entwickelt sich der Hunger auf der Welt?
Die Probleme sind zahlreich. Hunger und Unterernährung nehmen global tendenziell wieder zu. Und das hat nichts mit Knappheit zu tun, sondern mit dem Zugang – dieser ist in unseren marktorientierten Gesellschaften weitgehend übers Einkommen geregelt. Die industrielle Lebensmittelproduktion ist ausserdem stark von fossilen Brennstoffen und chemischen Düngemitteln und Pestiziden abhängig, was unsere Ökosysteme zerstört und etwa für ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.
Gibt es auch positive Entwicklungen?
Ja, die Agrarökologie zum Beispiel verbreitet sich mehr und mehr. Sogar einige Regierungen setzen sich inzwischen dafür ein und ändern Gesetze. Die Knappheit von Düngemitteln wegen des Iran-Kriegs führt dazu, dass selbst Finanzinstitute beginnen, sich für Agrarökologie zu interessieren. Die Entwicklung ist zwar nicht geradlinig, aber es findet durchaus ein Wandel statt. Als Beispiel dafür können auch Städte wie New York dienen, wo es Pläne für Lebensmittelläden und Restaurants gibt, die den üblichen Marktmechanismen entzogen sind.

