Die Schatulle rechts dient der Solidaritätsgruppe bei den wöchentlichen Treffen als Sparkasse.
Die 20 Mitglieder der Solidaritätsgruppe Tuinuke sote («Lasst uns alle aufstehen») treffen sich einmal pro Woche immer auf einem anderen Hof. Heute versammeln sich die 16 Frauen und 4 Männer bei Jael Okalio, der Vorsitzenden. Sie war es auch, die die Gruppe 2022 gemeinsam mit ihrem Mann gegründet hat – und mit der Unterstützung der Kimaeti Farmers Association, einer Partnerorganisation von Fastenaktion.
«Ursprünglich interessierten mich vor allem die agrarökologischen Techniken, ich wollte weg von Chemikalien», erzählt Jael Okalio. «Da diese Schulungen und Aktivitäten im Rahmen von Solidaritätsgruppen stattfinden, schlugen wir Kimaeti vor, selbst eine zu gründen – seither werden wir von ihnen unterstützt.»
Wenn die Gruppe zusammenkommt, wird erst mal gemeinsam gegessen: Ugali (eine Art fester Getreidebrei), diverses gut gewürztes Gemüse, ein wenig Hühnerfleisch und frische süsse Früchte zum Dessert. Es wird geplaudert, gelacht – und es ist offensichtlich: Man kennt und mag sich.
Solidaritätsgruppen
In den Solidaritätsgruppen zahlen die Mitglieder Beträge in Form von Geld oder Grundnahrungsmitteln in eine gemeinsame Kasse ein. Daraus können sie günstige oder im Senegal gar zinslose Darlehen für Grundbedürfnisse wie die Begleichung von Schulgebühren, Gesundheitsausgaben oder den Kauf von Nahrungsmitteln aufnehmen.
Auch bei Notfällen kann Geld oder Getreide geliehen werden, denn nicht Profit, sondern Solidarität und Absicherung stehen an erster Stelle. Fastenaktion finanziert jeweils Ausbildung und Begleitung der Gruppen, die durch lokale Animatorinnen und Animatoren geschieht, zahlt aber selbst nichts in die Kassen ein.
Die Solidaritätsgruppen sind auf die kulturellen Besonderheiten der jeweiligen Länder abgestimmt. Und sie reduzieren den Hunger zuverlässig und nachhaltig, wie eine Wirkungsstudie 2019 (auf Englisch) zeigte.
Vertrauen statt Angst vor Hexerei
Das war früher ganz anders. «Die Menschen von unterschiedlichen Höfen hatten Angst, gemeinsam zu essen und zu feiern, sie fürchteten Hexerei oder andere Feindseligkeiten. Dank der Solidaritätsgruppe konnten wir dieses Misstrauen nach und nach überwinden und Vertrauen aufbauen», sagt Jael Okalio.
Gelungen ist dies auch, weil die Schulungen und gemeinsamen Aktivitäten der Gruppe nach einem Rotationsprinzip immer auf einem anderen Hof stattfinden. «So arbeiten wir jedes Mal woanders gemeinsam, dabei lernt man sich gut kennen, und das Vertrauen wächst. Früher arbeiteten alle für sich, heute machen wir alles zusammen.»
Seit Familie Okalio auf agrarökologische Landwirtschaft setzt, kann sie nicht nur mehr und vielfältigere Lebensmittel ernten, diese sind auch viel gesünder. «Zuvor hatte ich Magengeschwüre, auch die Kinder waren immer wieder krank», erzählt die energiegeladene sechsfache Mutter und vierfache Grossmutter. «Heute nicht mehr.»
Jael Okalio (links) bei der Feldarbeit mit Ehemann und Tochter.
Vielfältiger und gesünder essen
Jael Okalio nutzt nur noch Biodünger, den sie selbst herstellt, und verwendet traditionelles Saatgut, das ursprünglich aus den Pflanzschulen der Kimaeti Farmers Association stammt. «Die früheren, industriellen Sorten konnten nach der Ernte nicht erneut angepflanzt werden, so mussten wir sie jedes Jahr erneut teuer kaufen. Und das Gemüse war manchmal bitter. Die traditionellen Sorten hingegen schmecken gut – und weil wir die Samen selbst herstellen können, sind sie praktisch gratis.» Zudem teilt und tauscht sie ihr Saatgut mit den Nachbar:innen, obwohl das in Kenia eigentlich illegal ist.
Die Ernte ist während des grössten Teils des Jahres so reichhaltig, dass sie einiges davon verkaufen kann, womit die Familie nun auch mehr Geld zur Verfügung hat. «Nur im Mai und Juni reicht die Ernte nicht für den Eigenbedarf, dann müssen wir noch Lebensmittel auf dem Markt hinzukaufen.»
«Wenn die Kinder wegen Unterernährung aufgeblähte Bäuche hatten, versteckte ich sie im Haus, weil ich mir keinen Arzt leisten konnte.»
Mehr Geld und Mitsprache
Ein finanzielles Sicherheitsnetz ist auch die gemeinsame Sparkasse der Solidaritätsgruppe. Nach dem Essen setzen sich die Mitglieder im Kreis, jede und jeder gibt den verabredeten Betrag für die Spargruppe oder kann im Notfall einen kleinen Kredit mit niedrigem Zins aus der Kasse beziehen. «Früher konnte ich meine Kinder nicht immer zur Schule schicken, weil nicht genug Geld da war», erzählt Jael Okalio. «Und wenn sie wegen Unterernährung aufgeblähte Bäuche hatten, versteckte ich sie im Haus, weil ich mir keinen Arzt leisten konnte. So ging es allen hier in der Region. Jede und jeder war auf sich allein gestellt, alle waren egoistisch.»
Auch die innerfamiliären Beziehungen waren schwierig. «Mein Mann und ich stritten viel, manchmal schlug er mich sogar. Wir Frauen arbeiteten auf dem Feld und im Haus, aber die Männer kontrollierten das Geld. Wenn ich welches brauchte, musste ich ihn darum bitten.» Heute gehört die Ernte ihr, und sie kontrolliert die Finanzen der Familie. Ihr Mann und ihre Kinder helfen ihr bei der Arbeit auf dem Feld, sie schätzen und akzeptieren Jael Okalios neues Selbstbewusstsein und respektieren ihre Meinung. «Es kommen auch immer wieder Menschen zu mir, die lernen wollen, ebenfalls so erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben.»
Jael Okalio leitet ein Treffen ihrer Solidaritätsgruppe auf ihrem eigenen Hof.
Über 600 Gruppen in Kenia
Die Transformation durch die Solidaritätsgruppen in der Region geht sogar so weit, dass Konflikte in den Dörfern reduziert wurden, was von den lokalen Behörden sehr geschätzt wird, da sie dadurch weniger zu tun haben. Sie unterstützen die Arbeit der Kimaeti Farmers Association und ermutigen die Gruppen, ihre Arbeit auszuweiten. In ganz Kenia kümmern sich die Partnerorganisationen von Fastenaktion inzwischen um über 600 Solidaritätsgruppen, die alle nach den gleichen Prinzipien funktionieren.
«Unser Leben hat sich fundamental verändert, seit wir die Solidaritätsgruppe gegründet haben», sagt Jael Okalio mit einem fröhlichen Lachen. «Und es wird mit genug Essen und genügend Geld nur noch besser werden: Unsere Kinder und Enkelkinder bekommen eine gute Ausbildung und werden es viel einfacher haben als wir.»
Im Video vertieft Jael Okalio ihre Geschichte und zeigt, welche Kraft gemeinschaftliches Handeln entfalten kann. Darüber hinaus kommen Vertreterinnen und Vertreter von Lokalbehörden zu Wort, die von Herausforderungen und Erfolgen berichten.